Am Erker 77

Anton G. Leitner: Der Himmel von morgen

 
Rezensionen
Anton G. Leitner (Hrsg.): Der Himmel von morgen
 

Gleichstand der Gebete
Rolf Birkholz

Auf einer Weltkugel erhebt sich eine Leiter ins bestirnte All, ein Drittel länger als der Durchmesser der Erde. Das Cover der Anthologie Der Himmel von morgen zeigt weniger, dass die Autoren hoch hinaus wollen, als vielmehr die Zahl der Fragen und Antwortversuche dieser im Untertitel "Gedichte über Gott und die Welt" versammelnden Auswahl. Herausgeber Anton G. Leitner hat sie im Wesentlichen aus dem Fundus der 25. Ausgabe seiner dem Thema Religion gewidmeten Zeitschrift "Das Gedicht" getroffen.
Religion mag für viele Westeuropäer ein alter Hut sein. Für die Mehrheit der Menschheit ist sie das wohl nicht, für nicht wenige ist sie ein, nun ja, recht zeitloser Turban. Da kann es nicht schaden, gelegentlich nach oben zu schauen, ohne gleich ins Stolpern zu geraten. Leitner hat da eine recht kluge Auswahl mit Beiträgen namhafter (Dorothea Grünzweig, Günter Kunert, Sabine Schiffner, Jan Wagner) und weniger bekannter Autoren getroffen, die weder Frömmlern noch Ketzern schmeicheln will, aber Gläubige wie Agnostiker anzuregen, zu denken geben vermag.
Andreas Peters formuliert in "gebet" gleichsam die Voraussetzung für die Beschäftigung mit der Thematik: "gönne / mir / das / wort, / gott. / ich / gönn / dir / das wort / gott." Dann eröffnet sich eine weite lyrische Arena, in der auch Übeltaten innerhalb der Kirche, negative Begleitumstände der Missionierung oder ein "Kapitalistisches Glaubensbekenntnis" (Matthias Kröner) vorkommen. Aber der Blick geht tendenziell nicht in die Hölle, sondern nach oben, ohne abzuheben.
"Durchbohrte Füße schweben ohne Halt?", fragt Christian Lehnerts "Böhmisches Wegekreuz" und weist auf eine Mittellage hin, die Ansätze zur Gottesfrage im Alltäglichen erlaubt. "Einmal angenommen / das Helfen beim Tragen / der Kreuze anderer / erleichtere den aufrechten Gang", stellt Markus Bundi in den Raum. Und Klaus Merz lässt in "Decharge" sein "Jüngstes Gericht" beizeiten beginnen: "Morgens um vier / (durchlässig für alle / Schrecken der Welt) // bittest du um Nach- / sicht für dich und / die Häscher. In dir."
Fußball und Gott sind schon im Begriff "Fußballgott" zusammengeführt. Barbara Zeizinger vereint beides mit einer Prise Humor im Gedicht. In "Unentschieden in der Nachspielzeit" gibt sie angesichts sich bekreuzigender Spieler zu bedenken: "Schwierig für den Herrn / gerecht zu sein, / bei Gleichstand der Gebete."
Der Titel des gut gemachten, gebundenen Buches im Jackentaschen-Format ist dem Gedicht "Bauplan, blassorange" von Sabine Minkwitz entnommen. "Das Ende der Welt / ist der Himmel von morgen" beginnt es. Daraus lässt sich Religion wie Religionskritik entwickeln.

 

Anton G. Leitner (Hrsg.): Der Himmel von morgen. Gedichte über Gott und die Welt. 136 Seiten. Reclam. Stuttgart 2018. € 10.