Am Erker 77

Nora Bossong: Kreuzzug mit Hund

 
Rezensionen
Nora Bossong: Kreuzzug mit Hund
 

Die Preise für Tee und fürs Jenseits
Rolf Birkholz

Hunde streunen wiederholt durchs Bild, Ziegen machen Zicken, Insektenschwärme lassen sich nicht dirigieren, "Vögel tobten weiter im Gefiedersturm". Tiere lockern Bilder auf, ohne sie beherrschen zu wollen. Das besorgen Dinge, Traditionen und Gedanken. In ihrem Gedichtband Kreuzzug mit Hund streift Nora Bossong durchs Land, durch Europa, Israel, Iran. Vorangestellt ist ein Wort von Rumi: "Mein Ort ist der Ortlose, meine Spur das Spurlose."
Dabei befindet sich die Dichterin offenbar stets an konkretem Ort, doch eher schwebend. So verknüpft sie die losen Enden des Gegebenen mit den Fühlern der Erkenntnissuchenden, bezieht Überkommenes auf Kommendes. Einmal ist sie angesichts der Diskrepanz zwischen den "Wohlstandspräzision" anzeigenden Auslagen eines Uhrengeschäfts und einem Gewitterregen unschlüssig, "was eben war, was gleich und was von mir erfunden." Ein Schlüsselmoment ihrer Poesie.
Doch dem poetischen Subjekt ist ja sowieso praktisch alles möglich und kaum weniger erlaubt. Selten freilich wird das Ich, soweit es lyrisch ist, gefragt: "Und Sie / sind katholisch?" Vorm Wärter in der Grabeskirche in Jerusalem zu leugnen wie einst Petrus im Hof des Hohenpriesters liegt in der Luft, aber die ob all der Eindrücke durchaus leicht verwirrte Pilgerin reagiert charmant gefasst, und vielleicht stellt man sich dabei Audrey Hepburn vor: "Ich nickte, zog mein Kopftuch fest."
Aufnahmebereit für die historischen Prägungen der Orte und die jeweils momentanen Zustände begibt sich die in Lyrik (zuletzt Sommer vor den Mauern, 2011) und Roman versierte, 1982 geborene Autorin in deutsche Provinz (Corvey, Paderborn, Karlshafen), in europäische und außereuropäische Metropolen. Im Kontrast dazu untersucht sie in "Bürgerliche Existenzen" das deutsche Verwaltungswesen, "dieses Blatt behauptet sich / seit Jahren" ("Formblatt 2").
Indes: "Wer hätte behauptet, die Welt sei gemacht, um / uns zu gefallen, sie ist nur da, sagt es, um uns unsere Freiheit heimzuzahlen", heißt es in "Unde malum". Woher das Böse? Und "es" ist eben das Übel. "Es liegt drüben / liegt mit zu Füßen, ist ich, ist ihr". Ganz deutlich wird die Lage in einer Szene in Teheran: "Die Preise für Tee steigen noch immer, / fürs Jenseits nehmen sie ab."
Mit viel Gespür dafür, Details zu neuen Bildern im großen, durchbrochenen Rahmen zu verbinden, eröffnet Nora Bossong in ihren Versen, ähnlich dem Perserteppich im Titel-Gedicht, eine "Unendlichkeit im Format sechs mal vier." Dazu genügt ihr meist eine einzige Strophe.

 

Nora Bossong: Kreuzzug mit Hund. Gedichte. 108 Seiten. Suhrkamp. Frankfurt a. M. 2018. € 20.