Am Erker 77

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

 
Rezensionen
Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens
 

Nacherzählung
Tessa Schwartz

Das Œuvre von Annie Ernaux, in Deutschland bis vor kurzem kaum bekannt, weckt hohe Erwartungen an ihr neues Buch Erinnerung eines Mädchens. Man erhofft sich den gleichen Sog, die gleiche Intensität, die ihr Tagebuch Sich verlieren erzeugt. Die Erwartungen werden jedoch gedämpft - nicht, weil es sich um einen anderen Stil, um einen anderen Zugang handelt, sondern aufgrund der Ambiguität der Metaebene. Zwar gibt es auch in diesem Buch Passagen, die von Ernaux' genauem Blick und ihren sprachlichen Fähigkeiten zeugen. Und doch fragt man sich beim Lesen mehr als einmal, was die Übersetzerin bewog, zu abgegriffenen Redewendungen wie "Bücher verschlingen" und das "Lippen umspielende Lächeln" zu greifen und andere Sätze bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen.
Schwerer wiegt allerdings Ernaux' Anspruch, die Erinnerungen des Mädchens, das sie einmal war, heraufzubeschwören. Die Reflexionen darüber, "sie" zu schreiben und "ich" zu meinen oder nicht einmal "ich" meinen zu können, weil die bislang verdrängten Erinnerungen zu schmerzhaft sind, versprechen einen Roman über die Un-/Möglichkeit der Ich-Werdung im Schreiben, in der Tradition etwa von Christa Wolf. Der lange und mehrmalige Anlauf, bis die Geschichte des Mädchens erzählt werden kann, und die (Selbst-) Zweifel beim Schreiben hätten eine gelungene Metaebene in solch einem Roman bilden können.
Allein: Ernaux' Anspruch ist es nicht, einen Roman zu schreiben. "Nichts glätten. Ich konstruiere keine Romanfigur. Ich dekonstruiere das Mädchen, das ich gewesen bin." Natürlich gibt es gute Gründe, die Behauptungen einer Ich-Erzählerin in einem Roman anzuzweifeln, auch wenn sie vorgibt, mit der Autorin identisch zu sein. Doch der Anspruch der Ich-Erzählerin hat unmittelbare Auswirkungen auf den Roman der Autorin. Dabei wäre es in einem Roman gerade nicht um das Glätten gegangen, sondern um die Entscheidung, wie eine Geschichte erzählt wird.
Das weiß Ernaux: "Im Prinzip gibt es nur zwei Arten von Literatur, die nacherzählende und die suchende, und keine ist mehr wert als die andere, außer für denjenigen, der eher die eine als die andere praktiziert." Ernaux' Œuvre lässt sich sonst ohne weiteres der suchenden Literatur zuordnen. Aber ihre Entscheidung, in diesem Buch das Suchen nach ihren Erinnerungen in den Fokus zu rücken, macht es an vielen Stellen zur Nacherzählung: Die Ich-Erzählerin sieht sich alte Fotos an, sucht die Menschen im Internet, die das Mädchen von damals gedemütigt haben, und mal ploppt diese und mal jene Erinnerung als Standbild auf. Diese Bilder werden nacherzählt. Das ist kein schreibendes Suchen, kein tastendes Schreiben. Stattdessen lesen wir, wie die Protagonistin als Autorin in Bildern und Telefonbüchern sucht.
Dabei erliegt sie einem fatalen Irrtum. "Darin besteht der Unterschied zu einer fiktiven Geschichte. Man kann die Realität nicht arrangieren, das, was wirklich passiert ist." Auch das Erzählen von Erinnerungen ist allerdings arrangiert. Ein Buch über die Realität ist immer auch eine Geschichte, die erzählt wird. So, wie auch Erinnertes und Erlebtes außerhalb von Büchern zu Narrationen, zu Geschichten verdichtet wird, um dem Erlebten einen Sinn zu verleihen. Ernaux hat die künstlerische Entscheidung getroffen, ihre Erinnerungen so zu erzählen, wie sie es getan hat. Sie hat einen Stil, eine Sprache, eine Reihenfolge des Erzählens gewählt, hat diese Bilder aufgenommen und andere verworfen. So zu tun, als sei es keine, enthebt die Autorin nicht von ihrer Entscheidung.
"Mir geht auf, dass das Vorangegangene nur dem Zweck dient, alles aus dem Weg zu räumen, was mich bremst, was mich wie in einem Albtraum lähmt und mich daran hindert, weiterzuschreiben." Hier verdeutlicht sich eine zweite Problematik der eigentümlichen Metaebene: Es werden Motive offengelegt, die sich von selbst zeigen können und die in der Reflexion weder erweitert noch gebrochen werden, sondern lediglich verdoppelt. Damit legt Ernaux eine Gebrauchs- und Leseanleitung vor, anstatt Interpretationsräume zu öffnen. Das gilt auch für ihren Blick auf das Mädchen, der - mal streng, mal mitleidig - häufig schon suggeriert, wie sie und ihr Handeln zu bewerten seien. Denn die Autorin der Metaebene bewertet es.
Interessant sind die Passagen, die das Erlebte in seinen historischen und geschlechtsspezifischen Kontext einordnen. Deutlich wird der Klassenunterschied, den die Krämerstochter am Gymnasium spürt und der ihre Ambitionen auf ein Literaturstudium gar nicht erst aufkeimen lässt. Die Hürden des klassenübergreifenden Aufstiegs sind auch Gegenstand von Didier Eribons Buch Rückkehr nach Reims, das prominent auf Ernaux verweist und sie dem deutschen Publikum plötzlich derart bekannt machte. Ernaux erweitert diese Perspektive um die gesellschaftlich prägenden Zuschreibungen an Mädchen und Frauen. Sie zeichnet ein deutliches Bild der strengen Moral, des Keuschheitsideals, dem Männer ganz und gar nicht unterworfen sind; die offenbar auch Jahre später das Denken der Protagonistin noch prägende Hypostasierung von Jungfräulichkeit. Sie zeigt deren Effekte in der völligen Unkenntnis des eigenen Körpers und der weiblichen Sexualität; den ersten Bruch nach der Lektüre Simone de Beauvoirs.
Im Gegensatz zur essayistischen Rückkehr nach Reims reicht die gesellschaftspolitische Ebene allein allerdings nicht aus, um die fehlende Romanhaftigkeit des Buches zu ersetzen - gerade weil es mit seiner Sprache und seiner Konstellation eben doch einen literarischen Anspruch erhebt. Dieser Anspruch hätte ohne weiteres erfüllt werden können, wenn sich die Autorin dafür entschieden hätte.

 

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens. Aus dem Französischen von Sonja Finck. 163 Seiten. Suhrkamp. Berlin 2018. € 20,00