Am Erker 77

Achim Stegmüller: Zerstreuung

Philipp Böhm: Schellenmann

Falko Hennig: Rikscha Blues

 
Fritz Müller-Zech 77
Die Fritz-Müller-Zech-Kolumne
 

An einem trüben Maimorgen saß der ehemalige Literaturkritiker Fritz Müller-Zech im Bademantel vor einem elektrischen Heizöfchen. Missmutig starrte er auf seine in dicken Wollsocken steckenden Füße. Es fiel ihm sichtlich schwer, seinen Blick auf den Bildschirm des tragbaren Kleincomputers, den er auf seinen Oberschenkeln platziert hatte, zu richten. Gerade hatte er sich entschieden, seine Kolumne dieses Mal in der dritten Person zu verfassen. Doch die Hoffnung, dass ihm das Schreiben so leichter von der Hand gehen würde, trog. Dabei war ihm eben noch ein Satz eingefallen, den er unbedingt in seinem Text unterbringen wollte. "Ich habe mehr vergessen, als ich jemals wusste", dachte er und griff nach einem schmalen Paperback, das sich, keine Ahnung, wie, an die Spitze eines Bücherstapels in der Nähe seines Hockers geschmuggelt hatte. Zerstreuung hieß das Bändchen, ein Titel, der dem müden Kritiker wie ein Versprechen vorkam. Denn durch Konzentration seiner Schreibkrise beizukommen, hatte sich als erfolglos erwiesen.
Es handelte sich um autobiografische Prosa des Autors Achim Stegmüller, die mit dem leichtsinnigerweise auf den Einband gedruckten Gattungsbegriff "Erzählung" nur schwer zu fassen ist. Rilke-Gedichte, ein Song von David Bowie und das Schicksal des deutschen Revolutionärs und Weltreisenden Georg Forster spielen ebenso eine Rolle wie japanische Office-Ladys. Und damit ist das thematische Spektrum des Buches noch nicht annähernd erfasst, dessen wunderbar zu lesende 74 Kapitel nur durch das Interesse des Autors an dem durchaus wörtlich genommenen Phänomen der Zerstreuung verbunden sind. Achim Stegmüller, der seit langem in Japan lebt und arbeitet, fragt sich, was es bedeutet, wenn ein sinnstiftendes Ganzes abhandenkommt. Dem immer noch frierenden Müller-Zech leuchtet das Problem unmittelbar ein, so sehr, dass er vom Präteritum ins Präsens wechselt. Für jemanden, dessen geistiges Zuhause immer noch aus bedrucktem Papier besteht, ist bereits das erste Kapitel des Buches, in dem drastisch die praktische Verwendung einer Zeitung nach der Lektüre geschildert wird, ebenso erleuchtend wie schockierend. Am Ende breiten sich die Papierreste "als grauweißer Belag" auf dem Boden aus, um dann "von einem einfallenden Wind in diese oder jene Richtung geweht" zu werden. Man könnte allerdings auch, denkt Müller-Zech, die alten Zeitungen einweichen und mit Leim vermischt in eine formbare Masse verwandeln. Pappmaché heißt das Zeug, aus dem sich allerlei Figuren formen lassen. Vielleicht wäre das eine Alternative zum Flugmodellbau. Aber so fix, wie der Gedanke da war, ist er auch schon wieder verschwunden. Müller-Zech verstaut das Zerstreuungsbändchen in der Tasche seines Bademantels und widmet sich dem nächsten Buch. Die alte Routine hat ihn wieder.
Schellenmann, den Debütroman des 1988 geborenen Schriftstellers Philipp Böhm, hat er bereits vor einiger Zeit gelesen. Das Buch gefällt ihm, schließlich war er, lange bevor dessen Autor das Licht der Welt erblickte, selbst mal ein junger Mann in einer sehr kleinen Stadt. Aber es wundert ihn auch, warum sich so wenig geändert zu haben scheint. Nun gut, mal wird eine Shisha-Bar erwähnt, doch ansonsten scheint der Provinzkosmos zeitlos zu sein. Schützenfest und Karneval, ein unangenehmer Vorarbeiter mit dem Spitznamen "Warzenmüller", der auch außerhalb der Fabrik, in der die Protagonisten einer nur sehr ungenau definierten Arbeit nachgehen, eine wichtige Rolle spielt: All das kennt Müller-Zech zur Genüge und freut sich trotzdem, es noch einmal hier als Gegenwartsliteratur präsentiert zu bekommen. Philipp Böhm wohnt übrigens in Berlin, wo sich offenbar prima von provinziellen Abgründen erzählen lässt.
Immer schwieriger hingegen ist es, mit Literatur seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Und wer wüsste das besser als Müller-Zech? Manchmal ist es ihm selbst ein Rätsel, wie er bislang über die Runden gekommen ist. Zöge er ehrlich Bilanz, wäre ihm natürlich längst klar, dass all die unangenehmen "Nebenjobs", denen er sich beinahe täglich widmen muss, erheblich mehr Geld einbringen als das, was er noch immer in grandioser Verkennung seiner Situation Literaturkritik nennt. Doch diese Einsicht wird auf sich warten lassen. Schließlich hat er gerade Meinungen über zwei Bücher formuliert. Und ein drittes liegt schon bereit. Rikscha Blues, ein fabelhaftes Buch des geborenen Berliners Falko Hennig, dessen Publikation mithilfe eines modernen Subskriptionssystems finanziert wurde. Einen Verlag zu finden, scheint immer schwieriger zu werden, auch für einen alten Betriebshasen wie Hennig, der sein Einkommen aufbessert, indem er Touristen in einer Rikscha durch Berlin kutschiert. Das ist nicht immer eine erquickliche Tätigkeit, bietet aber reichlich Erzählstoff, wie sein Episodenroman beweist. Fritz Müller-Zech ist das sehr sympathisch. Und er beschließt, sich einen wahren Satz aus dem Kapitel "Johannes Müller und die Sterne in der Dunkelheit" zu merken: "Manchmal konnte man direkt den Eindruck bekommen, dass alle Menschen irgendwann sterben würden."

 

Achim Stegmüller: Zerstreuung. Erzählung. 151 Seiten. Textem. Hamburg 2018. € 14,00.

Philipp Böhm: Schellenmann. Roman. 221 Seiten. Verbrecher. Berlin 2019. € 20,00.

Falko Hennig: Rikscha Blues. Roman. 258 Seiten. Omnino. Berlin 2018. € 18,90.