Am Erker 77

Johannes Witek: Salzburg Flood

 
Fritz Müller-Zech 78
Keine Fritz-Müller-Zech-Kolumne
 

Fritz Müller-Zech ist verschwunden. Zum letzten Mal gesehen wurde er beim Tagesausflug der Modellflugfreunde Oer-Erkenschwick nach Rotenburg (Wümme). Seine gehässigen Kommentare während der Besichtigung des Kartoffeldenkmals in der Altstadt sind den Mitreisenden noch in peinlicher Erinnerung. Lautstark hatte er moniert, dass solcherlei Skulpturen den öffentlichen Raum auf groteske Art und Weise verschandelten; ihm sei selbst der Brachialstil der 1960er Jahre lieber. Schon der Name des Machwerks, "Knolli", würde seinen inneren Sprengmeister mobilisieren. Kein Wunder, dass Müller-Zechs Vereinskameraden - Frauen haben sich bislang nicht in diesen Bastel- und Flugclub verirrt - unverzüglich räumliche Distanz zu dem zornigen Männchen herzustellen versuchten. Und so fand sich der Wüterich plötzlich allein auf der Geranienbrücke, die der beliebten Bronzeskulptur seit über zehn Jahren als Standort dient. Was dann passierte, lässt sich nur vermuten. Vielleicht wollte er per Autostopp zurück ins Ruhrgebiet gelangen. Zuzutrauen wäre ihm solch unzeitgemäßes Verhalten allemal. Denn, seien wir ehrlich, mental ist dieser chronisch übellaunige Literaturbewerter in den 1970er Jahren steckengeblieben. Wahrscheinlich hat er seit dem Mauerfall keine Neuerscheinung mehr mit der Absicht angesehen, eine seriöse und sachlich fundierte Kritik zu verfassen. Und nun bleibt er sogar seine Kolumne schuldig.
Das ist in den letzten 27 Jahren nur ein einziges Mal passiert, und auch damals erreichte mich der alarmierende Hilferuf der verzweifelten Redaktion in letzter Minute. Aber selbstverständlich ist es mir eine Ehre, die vakanten Seiten mit kulturkritischen Betrachtungen zu füllen, obschon ich nicht genau weiß, was mich als gescheiterten Gelegenheitsschauspieler und hauptberuflichen Tellerwäscher dazu qualifiziert. Wann habe ich schon mal die Möglichkeit, meine Meinung zu sagen? Das Gastronomiewesen verlangt Servilität, und die vermag ich perfekt vorzutäuschen. Viel Mühe kostet mich dieses Verhalten nicht. Im Gasthof "Kupferkanne" interessiert sich niemand für meine grundstürzende Kritik am kurrenten Literaturbetrieb. Da kann ich, ohne dass es auffiele, fernsehbekannte Kritiker, während ich die gigantische Spülmaschine bestücke, handfest beleidigen. Das geschieht nicht selten in unübersichtlichen Schachtelsätzen, die auch unter anderen Umständen dazu führen würden, dass sich eventuelle Zuhörer mit einem verständnislosen Lächeln abwenden. Wäre ich doch nur fähig, meine Meinung so kurz und bündig auf den Punkt zu bringen wie die Mitarbeiterin einer großen Wochenzeitung, deren Feuilleton ich gelegentlich lese, wenn Gäste ein Exemplar im Frühstücksraum zurücklassen. "Verdammt spannend und trotzdem intelligent" sei der besprochene Roman, heißt es da elegant elliptisch formuliert. Und ich möchte auf der Stelle langatmige und trotzdem strohdumme Literatur lesen. Ob Peter Handke so etwas schreibt? Keine Ahnung. Als ich noch jung und bildungshungrig war, habe ich mich mal an Adalbert Stifters Witiko versucht, nur um nach zehn Seiten wieder aufzugeben. Wahrscheinlich war der Roman zu schlau für mich. Oder nicht spannend genug. Was auf dasselbe hinausläuft. Sie sehen, auch mir gehen die Ellipsen scheinbar leicht von der Hand. Doch gewonnen ist dadurch noch nichts. Leichtfertig hatte ich Ihnen Meinungen versprochen. Und nun mag mir nichts einfallen. Was würde Müller-Zech, der, so befürchte ich mittlerweile, wahrscheinlich in einer norddeutschen Nervenklinik zwangstherapiert wird und ausschließlich Kartoffelgerichte vorgesetzt bekommt, unter solchen Umständen tun? Irgendeins der Rezensionsexemplare aus dem Regal greifen und nach einem passenden Zitat suchen? Solche unseriösen Tricks waren seine Spezialität, wenn ihn die Urteilskraft verließ oder er schlicht zu faul zum Lesen war.
Ich habe Glück. Ein langes Prosagedicht, das ich in einem Band des Salzburger Poeten Johannes Witek finde, verströmt einen sehr sympathischen antibürgerlichen Ennui, um seinem Protagonisten am Ende tatsächlich einen schwerromantischen Glücksmoment zu gönnen: "müde, alt, grau, gebeugt, / im System / vom System absorbiert und / vom System geschlagen" heißt es da. Ich fühle mich erkannt. Und plötzlich erscheint mir Fritz Müller-Zechs spontanes Aufbegehren auf der Geranienbrücke in Rotenburg (Wümme) als poetischer Akt.
Johannes Vierfrucht

 

Johannes Witek: Salzburg Flood. Gedichte. 130 Seiten. Container Press. Walheim 2019. € 10,20.