Am Erker 74

Edit 72

Poetin 23

Sinn und Form 3/2017

 
Zeitschriftenschau 74
Andreas Heckmann
 

Auf der "documenta" wurde er vorgeführt und im August im "Arsenal" in Berlin: Jonas Mekas‘ Film Reminiscences from a Journey to Lithuania (USA 1971), der auf 16-mm-Aufnahmen beruht und nach einem Prolog, den Alltag von aus Europa eingewanderten DPs in New York Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre behandelnd, die Reise des Filmemachers - neben John Cassavetes und Kenneth Anger eine zentrale Figur der New American Cinema Group - in seine Heimat nicht etwa dokumentiert, sondern die Zuschauer*innen auf eine Reise mitnimmt in die Welt der Erinnerung und zu dem, was Montage zu leisten vermag. Die Mutter und andere Verwandte sowie Bekannte und Freunde von damals (die Mekas-Brüder verließen Litauen im Sommer 1944), das Landleben der frühen 70er, das auch in der SSR Litauen noch archaisch anmutet: All das erscheint auf über- oder unterbelichteten Bildern mit heikler Tonspur und ist (auch darum) herzrührend und ergreifend.
Dass er nicht nur hochpoetische Filme dreht, sondern auch ein bedeutender Dichter ist, hat Mekas in seinen unter dem Titel Alt ist dieses, unser Sprechen zweisprachig erschienenen, von Claudia Sinnig bestens aus dem Litauischen übersetzten Gedichten unter Beweis gestellt. Zuletzt ist nach dem unbedingt lesenswerten Abdruck einzelner Tagebuchpassagen der Jahre 1945-48 im 75. Schreibheft von 2010 (von Claudia Sinnig wiederum souverän übersetzt) nun Ich hatte keinen Ort. Tagebücher 1944-1955 erschienen, von denen Edit 72 einen Vorabdruck aus dem Sommer und Herbst 1944 bringt, als Jonas Mekas mit seinem Bruder Adolfas bei Elmshorn Zwangsarbeit leisten musste. Schade aber, dass der Auszug sich auf die Zeit der "Sklavenarbeit" beschränkt, und verwunderlich, dass diesmal Heike Geißler mit der Übersetzung betraut wurde.
Woran ist eine gewichtige literarische Stimme zu erkennen? Auch daran wohl, dass sie einen verführerischen, weil seltsam zwingenden und doch temporär erlösenden Blick auf die Welt wirft. Nicht, dass man sich stets mit ihr einig wüsste, im Gegenteil: Sie mag Anlässe liefern, heftig, gar empört den Kopf zu schütteln. Und doch ist man mit ihr im Bunde, weil sie - so oder so - sehen macht, auch wenn es Blendwerk und Fata Morgana sein mag, was sie stiftet.
Emanuel Maeß, mit dem Romanauszug "Werra und Wehr. Erinnerungen an Urspring" in Sinn und Form 3/2017 vertreten, ist so ein Zauberer, dessen Weltsicht und Ansichten man gewiss nicht teilen muss, um doch seinem Erzählen zu verfallen und sich ihm selig zu überantworten. Von einer Kindheit und Jugend im südwestthüringischen Grenzgebiet zur BRD erzählt er, der mit dem ersten Kapitel "Lichterlust" dieses skandalöserweise noch immer unveröffentlichten Romans schon 2010 im 59. Erker zum Thema "Sommerfrische" vertreten war (auszugsweise auf unserer Website), und er tut es auf zutiefst bergende und doch hochironische Weise, altertümlich in der Anmutung, aber ausgesetzt in der Haltung, in einem Zugleich aus Butzenscheibenherrlichkeit und bodentiefen Fenstern. Faszinierend ist sein Ich-Erzähler, den ich mir als mit allen Wassern der literarischen Moderne gewaschenen Frühromantiker, als Kunstmärchenerzähler und Eulenspiegel denke, der mit luzidem, an Walter Benjamin geschultem Blick, also bar jeder Nostalgie, die tiefe Provinz des untergegangenen sozialistischen Deutschland und deren Dachbodenwinkel bestechend evoziert.
Der Leipziger poet ist diesmal eine poetin und enthält u.a. Gespräche zum Thema "Literatur und Reichtum". Besonders Annett Gröschner und Eva Roman äußern sich erfrischend offen über die Schönheiten und Schwierigkeiten ihrer stets prekären Existenz als Schriftstellerinnen. Nüchtern und doch idealistisch, unverklärt und doch angenehm himmelstürmerisch sprechen sie über ein Leben jenseits bürgerlicher Sicherheiten und Gewohnheiten. Ermunterungen zu Radikalität und Verwegenheit sind das, aber allen Leichtsinns ledig - sehr lesenswert.

 

Edit 72. 7,00 €.

poetin 23. 9,80 €.

Sinn und Form 3/2017. 11,00 €.