Texte
Am Erker 50, Münster, November 2005
 

Kerstin Kempker
Yoga für kleine Schriftsteller

Stellen Sie Ihre Füße hüftgelenkbreit nebeneinander. Richten Sie sie so aus, dass die Linien zwischen den zweiten und dritten Zehen parallel zueinander sind.
Ich sehe hinab auf meine traurigen Zehen und die krummen Ritzen zwischen Zeh Nummer zwei und Zeh Nummer drei und versuche, zwei asymmetrische Krümmungen zu parallelisieren. Paralysiert schaue ich zum Vergleich auf die abgebildete Frau im roten Einteiler, die irgendwie ängstlich, ein Kind, das seine Strafe erwartet, mein Vorbild sein soll für den aufrechten Stand.
Schmiegen Sie die Groß- und Kleinzehenballen an den Boden. Drücken Sie kraftvoll mit den Außenkanten der Fersen gegen den Boden. Lassen Sie den Aufrichteimpuls, der vom Druck der Fersen ausgelöst wird, an der Rückseite Ihres Körpers bis zum Kopf aufsteigen. Richten Sie gleichzeitig Ihren Körper entlang der vertikalen Achse aus. Tragen Sie den Kopf entspannt auf der Halswirbelsäule und lassen Sie die Schultern gelöst nach hinten, unten und außen sinken. Finden Sie Ihr inneres Gleichgewicht, so dass Sie gleichermaßen gelöst und stabil stehen.
Dankbar, so höflich gesiezt zu werden, drücke ich kraftvoll gegen den Boden, stehe bockig im O und warte auf den Aufrichteimpuls, balanciere den Kopf entspannt auf einem Wirbel und entlasse die Schultern nach hinten, unten und außen und kann es doch nicht finden, das innere Gleichgewicht. Gute Frau, das stimmt doch alles nicht, das ist doch nicht wahr. Guck mich mal an, statt zur Seite zu starren. Wen erwartest du, das Jüngste Gericht? Wie du da so stehst auf deiner weißen Yogamatte mit rotlackierten Zehen, du tapfere Soldatin, das ist nicht gelöst und auch nicht stabil. Das geht so nicht. Ich ziehe die bunten Ringelsocken wieder über zwei kalte unlackierte Füße, mein gnädiges Vergessen.
Beruhigt und stabilisiert den Geist, steht auf der Rückseite der Yogakarte "Der aufrechte Stand"; und ich sage dir: Lüge, alles Lüge. Mein Geist ist verwirrt und verwackelt. Verkleinert und haltlos sacke ich auf meinen Arbeitsstuhl, erwühle mir meine Form zurück und blättere kritisch, ich, ein kritischer Zeitgenosse, durch die übrigen Karten.
"Krafthaltung im Vierfüßlerstand". Ein Mann in Oliv schwebt auf Zehen und Handflächen und blickt demütig zu Boden. Fördert die Kraft, die uns hilft durchzuhalten, lese ich auf der Rückseite und nehme mir vor, die Krafthaltung demnächst zu probieren. Auch "Der Hund mit dem Gesicht nach unten", eine zitronengelbe Frau, die auf der blauen Matte ein Dreieck bildet mit dem Gesäß als Spitze (Streben Sie mit dem Gesäß weiter nach oben und hinten) und dabei von vorne und beinahe auf Augenhöhe ihre Fußzehen betrachtet, wäre eine Möglichkeit.
Als Hund, denke ich und falle im Geist, noch immer verwirrt und verwackelt, in den Vierfüßlerstand, als Hund könnte ich taugen. Kein Dackel, irgendwas zwischen Knie- und Hüfthöhe, so viel Größe müsste schon sein.
Alle paar Sekunden klicke ich mich auf meinem Laptop in den Posteingang, ein blindes Huhn, das findet auch mal ein Korn. Warum gibt es keine Hühnerkarte im Yoga? Ich zitiere den Postboten alle paar Sekunden zu mir, damit er mir endlich die gute Nachricht bringt, auf die ich seit Monaten warte. Natürlich lässt sich das Glück nicht zwingen, so wie auch das Unglück gerne von selber kommt. Heute bin ich bereit für die gute Nachricht, spreche ich jeden Morgen aufmunternd dem silbernen Kasten zu, klappe ihn auf und bringe mit ein paar routinierten Knopfdrücken Mozilla, meinen orangeroten Affen, zum Leuchten. Er zwinkert mir zu, Spannung, und lässt die Eieruhr hüpfen, und dann Pustekuchen, wieder nichts, keine neuen Nachrichten auf dem Server.
Als Hund käme ich mal aus dem Haus, es muss nicht gleich Timbuktu sein. Einfach mal rauskommen, um die Ecken, ein bisschen rumschnuppern, über Gräben springen, Hasen jagen. Warum nicht? Für den großen Wurf ist es ohnehin zu spät. Kleine Brötchen backen, ein Leben als Hund, irgendwo zwischen Schoß, Kampf und Wind; kein Stammbaum, eine stabile Mischung. Gleichermaßen gelöst und stabil, als Hund ginge das vielleicht.
Ein schreibender Hund, mit einem Schlag wäre ich die Konkurrenz los, die ganzen beredten und beschlagenen, mit allen Wassern gewaschenen, disziplinierten und ausgebildeten blutjungen Schreiber spannender Romane, erregender Romanzen und schaurig schöner Fiktionen. Ich wäre der Hund, der schreibt, der einzige. Ich wäre DER Hund. Eine Respektsperson, gefürchtet, geachtet, es muss nicht immer gleich Liebe sein. Was ich produziere, wäre dann fast egal. Sie würden es immer hinter mir einsammeln und zwischen zwei Buchdeckel pressen. Weil ich mich verkaufe. Der Hund verkauft sich.
Natürlich gäbe es Neider, Unflätigkeiten, Verrisse. Aber mit ihnen wüchse mein Ruf, ich Tunichtgut, Hansdampfinallengassen, ich Großmaul und Lästerer, Schwadroneur und Vielschreiber (Betonung wie bei Allesfresser), ich wäre der Schreckliche, der Hund mit dem Gesicht nach oben.
Du fauler Hund, du fieser Hund, das sagt man schon lange zu mir. So weit kann der Weg nicht sein zu dem Hund, der mir vorschwebt. Ein guter, ein feiner, ein kluger Hund, DER Hund. Das sag ich dem Hund! Wenn das der Hund wüsste! Warte nur, bis der Hund kommt! Fragen wir den Hund. Der Hund hört alles. Der Hund riecht alles. Der Hund weiß alles. Es ist ein guter Hund. Ein wachsamer, flinker, ein schöner Hund.
Endlich wäre auch ihnen klar, warum sie mich nicht verstehen können. Die feinen Töne kommen in ihren Ohren nicht an. Dankbar und angerührt lauschen sie dennoch dem Klang meines Bellens, meinem Jaulen und Winseln. Weil ich DER Hund bin, ist alles, was ich von mir gebe, von größter, von tiefster und diffizilster Bedeutung. Ein Gähnen von mir lässt sie an ihrer Langeweile verzweifeln. Ein Stirnrunzeln � ja, auch wir Hunde runzeln die Stirn � bringt ihre Gedankengebäude zum Einsturz und bewegt sie dazu, ganz neu, von Grund auf neu noch einmal mit dem Denken zu beginnen. Wo sich mir die Rückenhaare sträuben, rasen sie in blinder, in wilder Flucht davon. Sie richten Krisenstäbe ein, wenn ich unpässlich bin. Mein wedelnder Schwanz macht sie glücklich. Meine dargereichte Pfote ist der neue Nobelpreis. Ich warte nicht länger auf ihn, ich bin der Verleiher.
"Krafthaltung im Vierfüßlerstand", schon in der Vorstellung richtet sich mein innerer Schweinehund zu seiner vollen Größe auf, bricht aus mir heraus und hat mich längst überwunden. Gar nicht vorzustellen, was geschehen würde, wenn ich nun noch zur Tat schritte und sie wirklich in vivo einnähme, die "Krafthaltung im Vierfüßlerstand".