Am Erker 76

Genrich Altow: Der Hafen der steinernen Stürme

 
Rezensionen
Genrich Altow: Der Hafen der steinernen Stürme
 

Ein Blick aus der vergangenen Zukunft
Rolf Schönlau

Unter dem Pseudonym Genrich Altow erschien 1977 in der DDR im Verlag Das Neue Berlin als Übersetzung aus dem russischen Original von Genrich Altschuller der Erzählband Der Hafen der steinernen Stürme. Das Buch ist derzeit nur antiquarisch erhältlich.
Genrich Saulowitsch Altschuller (1926-1998) war Ingenieur, hielt mehrere Patente und erfand in den 1950er Jahren die "Theorie des erfinderischen Problemlösens" TRIZ (russ. Akronym für "Teoria reschenija isobretatjelskich sadatsch"), die als Methode zum Überwinden von Denkblockaden noch heute verwendet wird. Seine wissenschaftlich-phantastischen Erzählungen entstanden zwischen 1957 und 1970, oft in Zusammenarbeit mit seiner Frau Walentina Schurawljowa.
Der Hafen der Steinernen Stürme versammelt fünf Erzählungen und eine Reihe von Kurzgeschichten, letztere unter dem programmatischen Titel "Kann die Maschine denken?". Heute, wo die Feuilletons voll sind mit Artikeln über Künstliche Intelligenz, Robo-Pfleger, smarte Waffen, Design-Algorithmen und andere Mensch-Maschinen-Themen, lesen sich die Zukunftsvorstellungen von vor 50 Jahren mit großem Gewinn, weil sie bei all ihrem Technik-Enthusiasmus tief vom Humanismus geprägt sind.
"Was eine Maschine auch immer macht, sie ist jederzeit imstande, jede beliebige Aufgabe zu lösen, niemals jedoch wird sie auch nur eine einzige stellen können", heißt es frei nach Einstein an einer Stelle. Oder anderswo noch pointierter: "Hinter jedem Menschen steht die Menschheit. Hinter den Robotern, selbst den klügsten, hingegen steht keine Maschinheit." Und über Kinderspielzeug als Vorbote künftiger Technologien findet sich die kluge Beobachtung: "Elektronisches Spielzeug ist Humbug, verstehst du, Humbug. Eine Imitation der heutigen Technik. Gutes Spielzeug jedoch muss ein Prototyp der Maschinen sein, die es in hundert Jahren geben wird."
Durchdekliniert werden von Altow/Altschuller nahezu alle Themen, die uns hinsichtlich der wechselseitigen Annäherung von Mensch und Maschine bewegen: überlegene Schachcomputer, technische Eingriffe in die menschliche Natur zum Zwecke des Human Enhancement, vererbtes Gedächtnis und Hypnopädie, das Kopieren naturgegebener Vorbilder in der Bionik, Kandidatenauswahl per Computer, sich überschlagende Entwicklungszyklen von Maschinen, Computersimulation eines Erstkontaktes mit Außerirdischen u.v.a.
Auch wenn westliche Science-Fiction-Autoren wie H.G. Wells, Edgar Allan Poe oder Arthur Conan Doyle namentlich genannt werden, fällt der Begriff Science-Fiction kein einziges Mal. Was nicht weiter verwundert bei einem Buch, das mitten im Kalten Krieg im sozialistischen Lager erschien. Der stattdessen verwendete Begriff der wissenschaftlichen Phantastik beschreibt allerdings sehr genau, was die Erzählungen ausmacht: präzise Phantasie auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. Die deutsche Übersetzung von Dieter Pommerenke wird diesem Anspruch vollends gerecht. Sie liest sich angenehm unaufgeregt, ist sprachlich nicht gealtert und bis auf ganz wenige Beispiele frei von DDR-spezifischer Begrifflichkeit.
Die Titelerzählung entwirft ein kosmologisches Programm zur Umgestaltung des Milchstraßensystems durch eine überlegene außerirdische Intelligenz, mit dem Ziel, das Auseinanderstreben benachbarter Galaxien in eine freundschaftliche Annäherung umzukehren. Darin findet sich auch eine wunderbare Metapher, die fassbar macht, dass Bilder ferner Galaxien immer nur deren vergangenen Zustand zeigen, weil das Licht so lange zu uns braucht. Blickte man etwa Mitte des 21. Jahrhundert bei einer angenommenen Lichtgeschwindigkeit von einem Kilometer pro Jahrhundert von den Leninbergen (ab 1999 Sperlingsberge) auf Moskau, so sähen die nächstgelegenen Gebäude wie gewohnt aus, das Olympiastadion Luschniki wie im 20. Jahrhundert, die Ringstraße im Stadtzentrum wäre ein frisch aufgeschütteter Erdwall, der Kreml erschiene uns wie unter Iwan III., und vom Roten Platz wäre rein gar nichts zu sehen, weil das Licht noch unterwegs wäre.
Eine Neuauflage des Buches, vielleicht ergänzt um bisher nicht ins Deutsche übersetzte Erzählungen des Autors, wäre wünschenswert.

 

Genrich Altow: Der Hafen der steinernen Stürme. Wissenschaftlich-phantastische Erzählungen. 307 Seiten. Das Neue Berlin. Berlin 1977. Antiquarisch erhältlich