Am Erker 74

Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben

 
Rezensionen
Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben
 

Wichtige Nuancen
Sophie Weigand

Was treibt junge Menschen in den Terror? Wie lässt sich das Töten rechtfertigen? Unter welchen Umständen gebiert Ohnmacht ein pervertiertes Machtstreben und Gewalt nur noch mehr Gewalt? Karan Mahajan lässt seine Geschichte mit der Explosion einer Bombe auf einem belebten Marktplatz im Indien der Neunzigerjahre beginnen. Sechs Tage vor dem Attentat ist die hindu-nationalistische BJP mit knapper Mehrheit an die Macht gekommen. Sie predigt schon lange die Vorherrschaft der Hindus in Indien und befeuert Ressentiments, insbesondere gegen die muslimische Bevölkerung. Es ist eine politische Konstellation, die, trotz der zeitlichen und räumlichen Distanz zur Romanhandlung, Parallelen zu heutigen Debatten erlaubt, ja geradezu erzwingt. Auch daraus bezieht der Roman seine drängende Aktualität. Mahajan fächert im Zuge des Erzählens die vielschichtigen Folgen des Attentats für die mehr oder weniger direkt Beteiligten auf. Er folgt zwei Opferfamilien, in denen die Bombe des Attentats als zersetzende Kraft noch Jahre später Wirkung entfaltet, ebenso wie den Terroristen, die sich u.a. aus der "Jammu and Kashmir Islamic Force" rekrutieren, einer radikal-separatistischen Befreiungsbewegung im nepalesischen Exil. Die jungen Männer kämpfen für die Unabhängigkeit Kaschmirs von Indien. Beide Stränge verknotet Mahajan schließlich durch den jungen Mansoor, der das Bombenattentat als Zwölfjähriger überlebt hat. Er trägt Verletzungen der Hand davon, die ihn langfristig in seiner Berufswahl als Programmierer behindern. Seine Eltern können sein Studium in Amerika nicht mehr finanzieren, und seine körperlichen Schmerzen lassen langes Arbeiten am Computer nicht mehr zu. Mansoor ist haltlos, trifft auf religiöse und politische Eiferer, wählt den falschen Ausweg. Am Rande blitzen immer wieder Reflexionen über das indische Gesellschaftsleben auf, sei es durch vermeintlich wohlmeinende Ratschläge von Verwandten oder durch den Prozess gegen die Terroristen, der sich über viele Jahre hinzieht. In wiederkehrenden Perspektivwechseln zeichnet Mahajan nicht nur mit psychologischer Präzision seine Figuren, er lässt auch in farbenprächtigen, kraftvollen Bildern Delhi als indische Metropole auferstehen. Es ist ein Ort flirrender Hitze, staubiger Straßen, greller Farben, bevölkert von Unmengen an Menschen. Mahajans klarer, bestechend feinsinniger Erzählton ist frei von Plattitüden und den weithin bekannten Narrativen im Zusammenhang mit Terrorismus. Er versucht, eine Entwicklung nachzuzeichnen, den Krater darzustellen, den die Bombe im Leben vieler weit über ihre Explosion hinaus reißt. Er will sehen, wie sich vielschichtige Strukturen verändern, Lebenswege verschieben. Das ist ihm mit In Gesellschaft kleiner Bomben eindrucksvoll gelungen. Er fügt den harten Dichotomien, in denen wir zu denken gewohnt sind, wichtige Nuancen hinzu.

 

Karan Mahajan: In Gesellschaft kleiner Bomben. Roman. Aus dem Englischen von Zoë Beck. 376 Seiten. Culturbooks. Hamburg 2017. € 25,00.