Martin Ebbertz: Feuer in der Eiswürfelfabrik

 
Rezensionen
Martin Ebbertz: Feuer in der Eiswürfelfabrik
 

Moderne Kalendergeschichten
Rudolf Gier

Unter dem Titel Feuer in der Eiswürfelfabrik legt Martin Ebbertz ein schmales Bändchen mit 66 Kürzestgeschichten vor. Die erste, "Ein heißer Tag", liest sich wie ein Gedicht von William Carlos Williams und verbindet drei Szenen: Ein Gärtner wässert Blumen mit Schweißtropfen, eine Klavierlehrerin spielt bei offenem Fenster eine traurige Melodie, während ein älterer Mann - an einen Laternenpfahl gelehnt - dem Klavierspiel lauscht und sich "in Luft auflöst".
Lyrische Beobachtungen sind nur ein Element dieser konzentrierten Geschichten. Viele der aufgeschnappten Begebenheiten versieht Ebbertz mit eigenartigen, oft humorvollen Plots. Da gibt es zum Beispiel einen Mann in der U-Bahn, der sich einer Frau auf den Schoß setzt, weil er nicht damit gerechnet hat, dass der Platz schon vergeben war. In der Titelgeschichte geht eine Eiswürfelfabrik in Flammen auf. Die Arbeiter, "die Eiswürfel aus der brennenden Fabrik tragen, soviel sie können", dürfen sich zur Belohnung "jede Menge Eiswürfel" mit nach Hause nehmen, um sich aus denen Tee oder Kaffee zu kochen. Zu bedauern sind auch die Einwohner einer Kleinstadt, die gar nicht wissen, dass sie in einem Schuhkarton leben. Ob sich das ändert, als ein Mädchen den Karton aufhebt und hineinsieht, bleibt offen wie das Schicksal des U-Bahn-Fahrers, der den Berliner mit dem Münchener Linienplan verwechselt. "Nach einer falschen Rechtskurve bohrte sich die Bahn in die Erde und verschwand irgendwo im Dunkeln."
Ebbertz' stilistisch vielfältige Texte erinnern sowohl an Johann Peter Hebels traditionelle Kalendergeschichten wie an Ror Wolfs postmoderne Kurzprosa. Darüber hinaus hat sich der Autor, der ansonsten auch für Kinder schreibt, eine im positiven Sinne naive Sicht auf die Welt bewahrt. "Schlag dir das aus dem Kopf!", lautet eine bekannte Redewendung von Vätern. Ebbertz nimmt sie wörtlich, wenn er von einem Jungen erzählt, der eigentlich Indianer werden wollte. "Als er größer wurde, verkleinerte sich sein Kopf. Ein Stück nach dem anderen brach heraus."

 

Martin Ebbertz: Feuer in der Eiswürfelfabrik. 66 Kürzestgeschichten. 74 Seiten. Axel Dielmann Verlag. Frankfurt a.M. 2017. € 14,00.