Norbert Hummelt: Fegefeuer

 
Rezensionen
Norbert Hummelt: Fegefeuer
 

Im Läuterungsverswerk
Rolf Birkholz

Norbert Hummelt gehört zu den wenigen deutschen Dichtern, deren Lyrik sich ganz auf der Höhe der Zeit bewegt und dabei im Rückgriff auf Vergangenes über die Gegenwart hinausweist. Indem sie sich von der Vergangenheit nährt, macht sie diese selbst fruchtbar für den Blick voraus. Das zeigt sich auch in seinem neuen Band Fegefeuer.
Hummelt greift zweifach zurück, lebens- und literaturgeschichtlich. Denn bei seinen Gängen zu erlebten oder gedanklichen Stationen des Lebensweges orientiert er sich mehr oder weniger an den Bewegungen des Wanderers am Läuterungsberg in der Göttlichen Komödie. Formal hat er sich ja schon früher stark auf Terzinen verlegt. Im ersten Gedicht, "die waldschlucht", übersetzt er leitmotivisch die Anfangsstrophen der "Hölle", des ersten Teils von Dantes Epochenwerk.
Kaum einer vermag wie der 1962 in Neuss geborene, in Berlin lebende Dichter so unverkrampft - ja, es sind schon langsam verblassende Erinnerungen  - christliche, zumal katholische Rituale, Gebete aufzurufen, die einst, noch bis in die 50er, 60er Jahre, vielen das Jahr und den Tag strukturierten. Das Ave-Maria, das Kommunionwort "Herr, ich bin nicht würdig" oder der Psalm 23 klingen so nebenbei an, sind so in den Versfluss eingefügt, dass der (un-)freiwillige Durchschnittsheide unserer Tage sich nicht daran stoßen muss, sich dadurch aber anstoßen lassen kann: "keine ahnung, der herr ist mein hirte, mir wird schon nichts / mangeln". Mit "keine ahnung" scheut der Autor nicht vor einer umgangssprachlichen Floskel der Hilflosigkeit zurück, mit "schon" fasst er genau das Zipfelchen religiöser Zuversicht, das jenen, vielleicht letzten fast durchgängig christlich sozialisierten Generationen oft nur noch geblieben ist.
Der Dichter begibt sich also an Schauplätze der Kindheit, an Erinnerungsorte ("u. wieder / bin ich wo ich einmal war"), schaut und vernimmt von einem "Wächter" in sich: "die bilder dort sind spiegelungen von etwas das in / alten büchern steht". Häufig begegnet der Wanderer seinem Vater: "ich trug einmal die züge meines vaters, sie waren leicht / zu tragen, ganz ohne gewicht". Er spürt gemeinsam Erlebtem nach, versenkt sich aber auch in den Vorfahren, etwa in dessen Kriegsdienstzeit, nähert sich ihm neu. Auch stellvertretend andern Vätern, denn wer weiß schon, "in welcher lage / mein vater sich befand, als stauffenberg den zünder tätigte". Für Antworten mag es zu spät sein, für Fragen nie.
"Der toten Poesie gebt neues Leben", ruft Vergil am Fuß des Läuterungsberges die Musen an. Norbert Hummelts poetische Wanderungen durch Traumwirklichkeiten ziehen in einen belebenden Lesefluss.

 

Norbert Hummelt: Fegefeuer. Gedichte. 96 Seiten. Luchterhand. München 2016. € 18,00.