Am Erker 69

Najem Wali: Bagdad Marlboro

 
Rezensionen
Najem Wali: Bagdad Marlboro
 

Überleben in der Hölle
Volker Kaminski

Najem Walis Roman Bagdad Marlboro, der 2012 zuerst in Beirut erschien, handelt von der blutigen Epoche, die der Irak in mehreren aufeinander folgenden Kriegen seit 1980 bis in die Gegenwart hinein erlebt hat. Anhand der sich kreuzenden Lebenswege dreier Männer, die auf unterschiedliche Weise in die militärischen Konflikte und ihre Folgen verwickelt sind, erzählt Wali von der "Hölle" der Zerstörung, vom ungeheuren Leid der Opfer, aber auch von unverbrüchlicher Freundschaft und der kathartischen Kraft der Literatur.
Der namenlose Ich-Erzähler blickt anfangs zurück auf eine Reihe von Erlebnissen, die ihm in der Jetztzeit, 2012, geradezu unglaublich erscheinen. Die Geschichte, die er erzählen will, hat sich vor sieben Jahren in seiner Heimat Irak zugetragen, doch als er nun ihren Anfang sucht, gerät er ins Stocken: "Dass sich so etwas in einer Stadt wie Bagdad abgespielt haben soll! Dass sich zwei Männer wie wir, mit ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen und durch Länder, Meere und Ozeane voneinander getrennt, sich unbedingt hier begegnen sollten!" Gemeint ist seine Begegnung mit Daniel Brooks, einem amerikanischen Soldaten, Second Lieutenant der Marines, der wenige Jahre nach der amerikanischen Invasion in den Irak zurückgekehrt ist, um nach dem Ich-Erzähler, einem Mann mit wechselnden Berufen, zu suchen.
Obwohl Brooks’ Rückkehr in ein von bewaffneten Milizen beherrschtes Land wagemutig scheint, ist sie bei weitem nicht die einzige Merkwürdigkeit, über die der Erzähler ins Grübeln kommt. Um seine Geschichte von Anfang an zu erzählen, muss er in seiner Erinnerung bis in die Zeit des iranisch-irakischen Kriegs zurückgehen, als er selbst als Tierarzt in Bagdad lebte.
Der Erzähler folgt dem Prinzip abwechselnder Vor- und Rückblenden, wodurch es ihm gelingt, die verschiedenen Wege der Protagonisten nachzuzeichnen, ohne den roten Faden seiner Geschichte zu verlieren. Da sind vor allem die Erlebnisse mit seinem besten Freund Salman Madi, einem Lyriker und begeisterten Sartre-Fan, der ebenfalls von der ersten Stunde an in die Kriege hineingerissen wird und dessen Ohnmacht und schrittweise Zerstörung durch traumatische Kriegserlebnisse der Erzähler direkt miterlebt, ohne etwas daran ändern zu können.
Doch während Salman den ersten und zweiten Golfkrieg als Soldat an wechselnden Fronten durchleidet, kann sich der Ich-Erzähler dank persönlicher Beziehungen in diverse Verwaltungsjobs retten. Auch seine Arbeit als Tierarzt bewahrt ihn vor Einsätzen an der Front. Mit der Grausamkeit des Krieges wird er dennoch konfrontiert. So muss er beispielsweise Esel dazu abrichten, über Minenfelder zu laufen. Doch von den wahren Kriegsgräueln erfährt er durch Salmans Briefe und Aufzeichnungen, die ihm dieser von der Front schickt. Salman hat auch ein sehr persönliches Verzeichnis der Träume und Wünsche aller Soldaten seiner Einheit verfasst. Dieses "Traumbuch" findet Brooks später in der Wüste und will es dem Ich-Erzähler persönlich überbringen.
Verglichen mit diesen traumatischen Erfahrungen auf irakischer Seite scheint das Leben, das Brooks in den amerikanischen Militärbasen führt, fast harmlos. Er ist für die wechselnden Versorgungsdepots in der Wüste Saudi-Arabiens zuständig, wird von seinen Mitarbeitern geschätzt und ist - genau wie der Erzähler selbst - nicht direkt mit dem Krieg konfrontiert. Doch auch Brooks kann der Gewalt und Bösartigkeit des Krieges nicht entgehen. Eines Tages wird er von seinem sadistischen Vorgesetzten dazu gezwungen, irakische Soldaten, deren Front bereits zusammengebrochen ist und die längst kapituliert haben, in einem inszenierten Racheakt auf brutale Weise zu liquidieren. Bei diesem Massaker verliert auch Brooks seine Lebenshoffnung, es quälen ihn Schuldgefühle und Albträume, und nur über Umwege findet er zurück in ein ziviles Leben - bis ihm eines Tages klar wird, dass er noch einmal in den Irak zurückkehren und seine Schuld sühnen muss.
Walis Roman ist zwar ein Kriegsroman, doch seine literarische Kraft bezieht er nicht aus der Darstellung historischer Schlachten. Meisterhaft gelingt es ihm aus verschiedenen Blickwinkeln nicht allein vom Kriegsgeschehen zu berichten, sondern ebenso von der rauen Wirklichkeit eines ausgebluteten Landes. Der Erzähler hinterfragt die eigene Geschichte, unablässig kreisen seine Gedanken um die Sinnlosigkeit des Kriegs. So reflektiert er über die Figur des "Unbekannten Soldaten", bis er zu der Erkenntnis gelangt, dass letztlich alle Soldaten, die in den Schlachten geopfert werden, "unbekannte Soldaten" sind, die in den Schützengräben zu einer unkenntlichen anonymen "Null" werden und am Ende nicht mehr sind als ein "Ausrüstungsgegenstand wie jeder andere", der nach Gebrauch weggeworfen wird.
Bagdad Marlboro, Walis fünfter Roman, ist ein anrührendes Panorama, das nach der Lektüre noch lange nachwirkt. Auf komplexe Weise werden die verwickelten und oft vom Zufall gelenkten Lebenswege seiner Personen plastisch gemacht. Aus dem Zusammentreffen der drei Hauptfiguren sowie weiterer Beteiligter, deren tragische Geschichten in den Roman mit einfließen, entsteht ein vielfältiges Kaleidoskop, das die seelisch-körperlichen Leiden während jahrzehntelanger Kriege ergreifend widerspiegelt.
Trotz eigener schuldhafter Verstrickungen bietet sich dem Ich-Erzähler am Ende des Romans ein Ausweg aus dem zerstörten Land. Dieser Hoffnungsschimmer verdankt sich nicht nur dem Plan, mit seiner neuen Frau - Salmans Witwe - ins Exil zu gehen. Was ihm vielmehr einen Weg aus der Verzweiflung zeigt, ist das geduldige Festhalten des furchtbaren Geschehens, das mühsame Erinnern und minuziöse Aufschreiben, das ihn von der drohenden Sprachlosigkeit erlöst. Wenn man dieses Buch schließt, hat man nicht nur einen Eindruck von der im Motto genannten "Hölle der Lebenden" gewonnen, sondern ebenso eine Vorstellung davon, was Literatur im Angesicht des eigentlich Unsagbaren vermag.

 
Najem Wali: Bagdad Marlboro. Roman. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. 352 Seiten. Hanser. München 2014. € 21,90.