Am Erker 69

Carl Zuckmayers Autobiographie

 
Rezensionen
Gunther Nickel / Erwin Rotermund (Hrsg.): Carl Zuckmayers Autobiographie
 

Als wär's ein Reißer von ihm
Andreas Heckmann

Wer viel schreibt, produziert neben Gutem auch weniger Gutes. Mit der Zeit entwickeln die meisten Schriftsteller Strategien, das Gute in die Welt zu schicken und das Schlechte zu begraben. Es gibt aber Autoren, die kriegen das nicht hin. Die merken nicht, ob etwas funktioniert und ankommt oder unmittelbar foltert. In München gibt es mindestens einen Literaten, der seine Zuhörer mal bis zum Aufjauchzen entzückt und zuhauf Rufe nach Zugabe einfährt, sein Publikum dann aber wieder mit Ausdauer in Grund und Boden liest, ohne dessen stille Verzweiflung zu gewahren. Auch das hat Stil und zeugt immerhin von starkem Selbst- und Sendungsbewusstsein.
Zu den Autoren, die neben Großartigem manch weniger Gutes in die Welt entlassen haben, gehört auch Carl Zuckmayer, und der Reiz des anzuzeigenden Buchs liegt nicht zuletzt darin, dass hier das Untolle neben dem Schönen steht und man mitunter von Absatz zu Absatz aus Höhenflügen ins Mediokerste stürzt und umgekehrt strahlender Aufschwünge unvermittelt teilhaftig wird.
Wie das? Band 12 des Zuckmayer-Jahrbuchs enthält die deutschsprachige Originalfassung seiner in den USA entstandenen Autobiografie Second Wind, die in der Übersetzung von Elizabeth Hapgood und mit einem Vorwort von Dorothy Thompson 1940 erschien, einen Text, der in seinen geglückten Passagen Steinbruch für Zuckmayers Autobiografie Als wär’s ein Stück von mir von 1966 war. Dass der Autor sich in Second Wind als Emigrant ans Publikum seines Exillands wandte und der Zweite Weltkrieg eben ausgebrochen war, während er 25 Jahre später für ein deutschsprachiges Publikum nach der Rückkehr aus dem Exil schrieb, führt zu unterschiedlichen Gewichtungen und Stoffgruppierungen, wie Herausgeber Gunther Nickel knapp und luzide referiert.
Auch weist Nickel auf Zuckmayers "Bestreben, pointiert, unterhaltsam und effektvoll zu erzählen" hin, "wodurch er die exakte Faktizität der narrativen Zuspitzung und Dramatisierung opfert. Er ist gleichsam ein Entertainer bei der Darstellung seines Lebens." Man könnte auch sagen: Zuckmayer war nicht nur Vollblutdramatiker, sondern auch als Autobiograf eine Rampensau und zumal dann unschlagbar, wenn er sein Leben in Szenen eines reißerischen oder auch melodramatischen Theaterstücks mit stark komödienhafter Ausprägung zu verwandeln vermochte.
Wem aber derart am Erfolg gelegen ist, der ist nicht kleinlich mit den Realien seines Lebens, wie Nickel an manchem Beispiel zeigt und wie es bei der Lektüre von Second Wind immer wieder mit Händen zu greifen ist. So kann es unmöglich gewesen sein, denkt sich der Rezensent so amüsiert wie staunend und mitunter so frappiert wie geniert, das ist ausgedacht oder heillos übertrieben und doch in höherem Sinne authentisch und wahr, weil es Zeitängste und Hoffnungen, nervöse Unruhe und jugendlichen Größenwahn, grässlichsten Schrecken und schöne Überheblichkeit wunderbar abbildet, freilich ins Genrehafte verbogen oder überhöht, wie ohnehin das Gespür für Effekte, für aus Klischees gewobene Anschaulichkeit, für einen magischen Realismus aus dem Geiste des Talmi wundervolle Urständ feiert, was nicht selten in Fettnäpf(ch)en der Peinlichkeit endet, besonders wenn Zuckmayer sich in vitalistischen Parolen ergeht und bisweilen Heilloses schreibt, etwa über das Verhältnis von Mann und Frau.
Mögen Germanisten Second Wind als Vorstufe von Als wär’s ein Stück von mir lesen (was ihnen Nickels Edition sehr erleichtert, da sie textliche Parallelen so einfach wie zweckmäßig verzeichnet): Findige Theatermacher könnten aus dem Text ganze Bühnenmonolog-Revuen stricken, hinterfangen mit Fotos und Filmausschnitten und unterlegt mit Musik von damals. In Zuckmayers lebensprallen Geschichten nämlich wird Geschichte lebendig: das Erlebnis des Ersten Weltkriegs, für den Zuckmayer nirgendwo ein beschönigendes Wort findet, die rasante, anarchokreative Brausekopfzeit zwischen Kriegsende und Hyperinflation in Berlin, die wilde Episode am Kieler Theater (auch dort jede Menge Seemannsgarn), nach einem Intermezzo in München dann wieder Berlin, wo sich der Mainzer Autor zum Publikumsliebling emporschreibt - das alles ist mit Ungestüm hingeworfen und wirkt auch darum bis heute beeindruckend frisch.
Als Beispiel für Zuckmayers schnoddrig-begnadeten Stil hier sein Bericht, wie es war, als sein Stück Kreuzweg im Dezember 1920 am Staatlichen Schauspielhaus Berlin krachend durchfiel:
"Immer mehr verwandelte sich die Szene in einen Gerichtssaal. Mit mir in der Loge hatten zwei Ehrengäste des Intendanten Platz genommen: der eine war der Reichswehrminister Noske, ein ungeschickter, vierschrötiger Mensch mit einem Feldwebelgesicht. Man wußte, daß er, obwohl Sozialdemokrat, der willigste Zuhälter und Handlanger aller reaktionären Bestrebungen war, beglückt und geschmeichelt, wenn ein General ihm gnädig auf die Schulter klopfte. Ich haßte ihn auf Anhieb, und die Abneigung mag gegenseitig gewesen sein, denn nach dem ersten Akt verließ er brummend und kopfschüttelnd das Haus. Der andre Ehrengast war die Dichterin Else Lasker-Schüler, deren Lyrik ich liebte und bewunderte, die mich aber dadurch zu foltern begann, daß sie mir, je fataler der Abend wurde, mit wachsender Mildtätigkeit Pralinés in den Mund steckte, die sie laut knisternd aus einem altmodischen Ridicule hervorzauberte. Ich verabscheute Süßigkeiten, und mir wurde ganz übel davon, aber ich war ihrer Caritas wehrlos ausgeliefert. Ein einziger Schnaps wäre mir lieber gewesen. Irgendwo unter den Zuschauern hielten sich meine Eltern mit einigen meiner Freunde versteckt. Sie hatten die lange Reise gemacht, um der Schande ihres Sohnes beiwohnen zu dürfen, sie saßen ausgerechnet in jener Reihe, wo die Angehörigen der empörten Beamtenschaft ihre Freiplätze hatten, rings um sie her wurde geschimpft, gezischelt und an den ernsten Stellen gelacht, eine Dame wandte sich an meine Mutter mit der Bemerkung: ‚Das muß ein armer Irrer geschrieben haben’, - und mein Vater verließ am nächsten Tag Berlin, in seiner alten Befürchtung bestätigt, daß ich ein hoffnungsloser Fall sei. Es war eine vollkommene Niederlage."
Und im Rückblick doch - wie oft bei Zuckmayer - ein erzählerischer Triumph. Befremdlich aber, dass das Buch nicht als Carl Zuckmayer: Second Wind erschienen ist, sondern unter einem Titel, der es darauf anzulegen scheint, es in sekundärliterarischen Höllenkreisen schmoren zu lassen.

 
Gunther Nickel / Erwin Rotermund (Hrsg.): Carl Zuckmayers Autobiographie. Eine Erkundung (= Zuckmayer-Jahrbuch 12). 246 Seiten. Wallstein. Göttingen 2014. € 29,00.