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Silke Andrea Schuemmer

 
Rezensionen
Silke Andrea Schuemmer: Remas Haus
 

Der Flügel des Engels, zerbrochen
Olaf Velte

Mit dem ersten Satz beginnen. "Wie notwendig es ist, hier zu sein." Ein merkwürdiger und großartiger Satz, einer, der schon ein Geheimnis verspricht und die Tür öffnet. Damit wird der "1. Brief" dieses Buches eingeleitet, zwölf weitere werden folgen. Im Wechsel dazu stehen Berichte über die Geschehnisse in Remas Haus. Es ist ein Dichter, der sich mit diesen Briefen der Außenwelt mitteilt, er lebt in einem hochgelegenen Zimmer, welches er nicht mehr verlassen kann. Die Außenwelt sind wir, die Leser. Ausgehändigt bekommen wir die Schriftstücke von verluderten Schlampen, die den Dichter für diese Dienste büßen lassen: Auf ihr Geheiß müssen die Briefe verändert werden, die Übermittler wollen geleckt und befriedigt werden. (Wer denkt da nicht an das würdelose Gebaren des herrschenden Literaturbetriebs?) Das einzige Fenster des Raumes ermöglicht eine Aussicht: "Ich sehe, was ich sehen muss: Remas Haus, das weiter unten in der Ebene liegt, abseits von den anderen….". Diesem Ort gilt die Sehnsucht, und das Buch folgt einer Obsession, die sich immer monströser entfaltet. Das Haus besteht aus Gesinde- und Herrenhaus sowie dem Stalltrakt - "der Hof selbst ist die Dreifaltigkeit". Hier soll Rema wohnen. Alles scheint aufgeweicht von dem nie versiegenden Milchfluss, der in der Milchküche verarbeitet wird. Ein Milchkoch ist unablässig mit dem Kampf gegen die Unreinheit beschäftigt.
Es ist ein surrealer Ort, ein Trugbild. Von Beginn an herrscht eine bedrohliche Atmosphäre - in einer wunderbaren Passage vergegenwärtigt:
"Dass hier beide leben, Milchkoch und Rema, dass es ausgerechnet das Gesindehaus ist, in dessen Milchküche sich alles zusammenfügt, und dass Rema alle drei Gebäude bewohnt, das weiß der Dichter zu dieser Zeit ebenfalls nicht. Und weil er weder von dem, was tief im Keller des Hauses vergraben ist, etwas ahnt noch von dem Zerwürfnis der Dreifaltigkeit, setzt er sich in die Mitte des Hofes, glaubt, er sei angekommen, und hat einen Traum."
Die Ausdruckskraft von Silke Andrea Schuemmer trägt durch die 160 Seiten ihres Romans Remas Haus, an keiner Stelle weicht sie von dem eingeschlagenen Weg ab. Eine faszinierende Geschichte, eine bestürzende auch. Sie erinnert in ihrer Radikalität an eine Erzählung, die vor fünfundvierzig Jahren veröffentlicht wurde: Der Schatten des Körpers des Kutschers von Peter Weiss. Schauplatz ist ebenfalls ein abgelegener Hof, bevölkert von schattenhaften Wesen, die ihre Zeit in endlosen Wiederholungen eingeübter Tätigkeiten verbringen. Auch dort ist die enge Welt, ständig unter Spannung gehalten, immer kurz vor dem Untergang. Es sind die alltäglichen Rituale, die beibehalten werden müssen, um das Bestehen zu sichern. Keiner darf in das Rad der Ungerechtigkeit eingreifen, weil eine Veränderung unabsehbare Folgen hätte. Und während bei Peter Weiss das notwendige Gleichgewicht bis zum Schluss gewahrt bleibt, macht sich der Dichter in Remas Haus daran, die verborgenen Gesetze zu überschreiten. Er will seines Phantoms habhaft werden und gefährdet damit die sensible Ordnung. Remas Hof, und das wird mit jeder Seite deutlicher, pulsiert wie ein lebender Organismus.
Silke Andrea Schuemmer führt ihren Dichter ins Reich der Wahnvorstellungen, woraus es keine Rückkehr gibt: "Es ist der gebrochene dritte Flügel des Engels, der halb in der Ebene vergraben von weitem wie ein Haus mit drei Trakten aussah". Der Weiss`sche Chronist ist dagegen in Zweifeln gefangen: "….dass dieses Gesehene und Gehörte allzu nichtig sei um festgehalten zu werden und dass ich auf diese Weise meine Stunden, meine halbe Nacht, ja, vielleicht meinen ganzen Tag völlig nutzlos verbringe; aber dagegen stelle ich folgende Frage, was soll ich sonst tun; und aus dieser Frage entwickelt sich die Einsicht, dass auch meine übrigen Tätigkeiten ohne Ergebnisse und Nutzen bleiben. Mit dem Bleistift die Geschehnisse vor meinen Augen nachzeichnend, um damit dem Gesehenen eine Kontur zu geben, und das Gesehene zu verdeutlichen….".
Beide Bücher verdeutlichen eine Welt, in der Liebe keinen Platz mehr hat und nur aus der Erinnerung heraufsteigen kann (die Mutter und die Erd-Zwillinge in Remas Haus sind umglänzt von einer mythischen Aura). Gefühlskälte ist dort zu Hause, auch ein ungehemmtes Zweckdenken, dem alles zu Ware und Währung wird. Hinter Remas Haus formiert sich eine Gesellschaft funktionierender Automaten, ihre Beton-Bau-Lust bis in die letzten Naturzipfel treibend. Viele der Bilder, berührend in ihrer Intensität, wollen gelesen sein: Es ist die ausgezeichnete Lyrikerin, die hier aus ihren Quellen schöpft.
Nicht unerwähnt darf bleiben, wie gelungen die Verlegerin Daniela Seel und der Grafiker Andreas Töpfer den Band ausgestattet haben. Der Einband ergänzt den Inhalt mit anderen Mitteln - auch hier tanzen die Bilder und weisen über sich hinaus. Ein gutes Buch: Die poetische Vision darf sich ungehemmt ausbreiten, meidet rigoros den üblichen literarischen Trampelpfad. Und wieder stellt sich die Frage, ob es nur die Kraft der dichterischen Sprache noch vermag, von den wahren Defiziten unserer Welt zu erzählen. Und ihrer Überwindung.

 

Silke Andrea Schuemmer: Remas Haus. Roman. 160 Seiten. Kookbooks. Idstein 2004. € 15,90.