Am Erker 28

Klaus Wagenbach: Die Freiheit des Verlegers

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Klaus Wagenbach
Wagenbach-Verlag

 
Klaus Wagenbach

Im Gespräch mit Rudolf Gier und Joachim Feldmann

Am Erker Nr. 28, Münster 1994

"Von der Diktatur des Lektorats"

Am Erker: Herr Wagenbach, was hat Sie auf die Idee gebracht, Bücher verlegen zu wollen?

Wagenbach: Das ist eine Frage, die weit zurückführt. In der Nachkriegszeit stieß man als armer Schüler auf dem Weg zu einem anständigen Buch notwendigerweise auf zwei Serien: Rowohlts Rotations Romane und S. Fischers Bibliothek. In der S. Fischer Bibliothek fanden sich Titel wie Hesses Narziß und Goldmund, der Klassiker für Achtzehnjährige, und bei Rowohlt erschienen viele Amerikaner, Faulkners Licht im August oder John Steinbecks Straße der Ölsardinen. Beide Serien wurden im Rotationsverfahren gedruckt; während Rowohlts Reihe im Zeitungsformat erschien, waren die Bücher bei Fischer gebunden. Mich hat schon damals auch die technische Seite der Buchproduktion interessiert. Da gab es also Leute, die auf die Idee kamen, einen vorhandenen Bedarf mit möglichst intelligenten Mitteln zu befriedigen. Es gab wenig Papier, das war ja noch vor der Währungsreform, und der Bedarf an Büchern war sehr hoch. Mich hat also an Büchern von vornherein immer auch die Machart interessiert. Das ist sozusagen der linke Ansatz: Wie demokratisiert man Inhalte? Wie bringt man Ideen unter die Leute? Das hat mir gut gefallen. Ich bewarb mich also beim S. Fischer Verlag und wurde dort Lehrling.

Am Erker: Und dort brachten Sie es im Laufe der Jahre zum Lektor für deutsche Literatur. Warum sind Sie nicht Angestellter geblieben?

Wagenbach: Da kamen zwei Dinge zusammen: Zum einen hatte ich mit anderen dagegen protestiert, dass auf der Buchmesse 1963 ein DDR-Verleger verhaftet worden war. Schließlich könnte man die halbe Buchmesse verhaften, wenn man zusammenzählt, wie viele Mitarbeiter von Geheimdiensten und Faschisten da herumlaufen. Mein Protest traf zusammen mit dem Verkauf des S. Fischer Verlags an den konservativen Holtzbrinck-Konzern. Damals lebte noch der Herr von Holtzbrinck, und der guckte sich in seiner Neuerwerbung um und sah, da ist einer, der sympathisiert mit der Linken. Und von einem auf den anderen Tag saß ich auf der Straße. So einfach ging das. Ich habe mich dann mit Freunden und Autoren beraten. Die erklärten mir: Du mit deinen komischen politischen Meinungen, du wirst auch bei einem anderen Verlag in dieselbe Lage kommen. Mach doch selbst einen Verlag auf. Und jetzt kommt der Gründungsmythos: Natürlich fehlte noch das Geld. In solchen Fällen wendet man sich an seinen Vater. Mein Vater hatte auch kein Geld, aber eine Wiese. Diese Wiese hat er mir geschenkt, und ich habe sie verkauft. Und auf dieser Wiese befindet sich sozusagen heute noch der Verlag.

Am Erker: Man hört ab und zu, dass es für Sie anfangs nicht einfach war, Ihre Bücher auch in den Handel zu bringen?

Wagenbach: Ja, viele Buchhandlungen führten unsere Bücher damals nicht. Das waren andere Zeiten, vor und kurz nach der Studentenbewegung. Die CDU konnte noch jede Wahl mit dem Slogan "Keine Experimente" gewinnen. Aber die jungen Leute wollten vernünftigerweise Experimente. Sie misstrauten ihren Eltern und der bürgerlichen Presse. Es war eine sehr heftige Auseinandersetzung, in die auch ein Verlag geriet, der dazu Stellung bezog. Selbstverständlich geriet unser Verlag in Schwierigkeiten. Ursprünglich war Wagenbach ein Ost-West-Verlag gewesen, was wir nicht fortführen konnten, weil wir wegen Biermann Lizenzverbot bekommen hatten. Wir mussten uns neu orientieren, und so wurden wir ein Verlag der Studentenbewegung mit Autoren wie Peter Brückner, Ulrike Meinhof oder Rudi Dutschke. Ich war während meines Studiums im SDS gewesen. Und als sich die Genossen nach einem Verlag umguckten, haben sie gedacht: Da ist ja der Genosse Klaus. Natürlich kamen viele linke Autoren zu uns, was zu politischen Auseinandersetzungen und Ausgrenzungen führte mit der Folge, dass unsere Bücher in den meisten Buchhandlungen nicht geführt wurden. Viele Verlage und Buchhandlungen sind damals gegründet worden, um den Boykott linker Bücher zu durchbrechen.

Am Erker: In den siebziger Jahren spaltete sich der Rotbuch-Verlag vom Wagenbach-Verlag ab. War das einer dieser typischen Konflikte zwischen Verlagsinhaber und Mitarbeiterkollektiv?

Wagenbach: Es war ein inhaltlicher Konflikt. Die Frage war: Diktatur des Lektorats oder Diktatur des Proletariats? Ich war immer für die Diktatur des Lektorats. Die jungen Kollegen, die damals den Rotbuch-Verlag gemacht haben, waren für die Diktatur aller im Verlag Arbeitenden. Das war und ist, glaube ich, ein großer Fehler. Wenn man beispielsweise über italienische Literatur entscheiden will, muss man Italienisch können. Außerdem hatte ich schon damals kein Gottvertrauen in Mehrheitsentscheidungen. Ich war etwas älter als die Studentenbewegung, ich war einer von den über Dreißigjährigen, denen man nicht trauen durfte. Und da ich sozusagen in der Nazizeit aufgewachsen war und zwar in einem nicht-faschistischen Elternhaus, hatte ich ein besonderes Misstrauen gegen Mehrheiten. Die meisten waren ja Nazis gewesen. Ich hatte also im Unterschied zu meinen jüngeren Kollegen einige unangenehme Erfahrungen mit der Mehrheit, das hat sicherlich eine Rolle gespielt.

Am Erker: Das heißt, die Entscheidungen im Wagenbach-Verlag treffen Sie?

Wagenbach: Nein, Diktatur des Lektorats habe ich gesagt, nicht Diktatur des Inhabers. Das ist heute noch so. Im Lektorat wird entschieden, und zwar im Konsens. Es wird so lange diskutiert, bis ein Konsens da ist. In gewisser Weise ist das auch ein Mehrheitsprinzip, noch schlimmer, ein Einheitsprinzip, ein versteckter Stalinismus. Als wir das entdeckt haben, sind wir zu Tode erschrocken und haben uns gefragt: Wie retten wir die Minderheit? Da haben wir die sogenannte Herzklausel eingeführt. Das bedeutet: Wenn wir lange ohne Einigung diskutiert haben, dann tritt eine förmliche Pause ein, und ich frage denjenigen: Hängt dein Herz dran? Wenn er mit Ja antwortet, ist der Vorschlag ohne weitere Diskussion angenommen. In einer Hinsicht fallen Entscheidungen ja sowieso zu 98 Prozent. Denn alles, was negativ beschieden wird, macht einer. Das ist in jedem Verlag so. Und bei den Negativentscheidungen passieren dann natürlich auch Fehler. Davon leben dann die anderen Verlage wieder. Das heißt, die Diktatur des Lektorats funktioniert nur dann, wenn es viele Verlage gibt. Das Modell des Wagenbach-Verlags als Staatsverlag, das wäre furchtbar.

Am Erker: Warum haben Sie das Jahrbuch Tintenfisch eingestellt? Ist die deutsche Literatur so uninteressant geworden?

Wagenbach: Sie sind vielleicht der Zweite oder höchstens Dritte, der nach dem Tintenfisch fragt. Das Merkwürdige ist, dass der Tintenfisch mit der ersten Nummer eine Auflage von 35000 Stück hatte. Dann hatte er 30000, dann 25000, dann 10000 und am Ende 6000. Und dann haben Michael Krüger und ich nach zwanzig Nummern gesagt: Wir stellen ihn vorläufig ein, es sei denn, uns fällt etwas Besseres ein. Niemand, ich schwöre es Ihnen, niemand hat das Verschwinden des Tintenfischs bemerkt. Und in keiner Rezension wurde gesagt: Sehr bedauerlicherweise haben diese beiden Idioten aufgehört, den Tintenfisch zu machen. Das hat uns allerdings überrascht und nachträglich bestätigt. Hätten wir das zehn Jahre zuvor gemacht, wäre die Hölle los gewesen. Das Schicksal des Tintenfischs sagt etwas aus über den Zustand der deutschen Literatur. Aber darüber soll man nicht klagen. Ich nenne Ihnen zwei Beispiele. Das eine sind die Höhepunkte der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert. Der eine liegt zwischen 1910 und 1920, Kafka und der Expressionismus, und der andere liegt um 1960, die sechziger Jahre, angefangen mit Günter Grass und Uwe Johnson. Das ist viel für eine nationale Literatur, und es ist ein journalistischer Unsinn, in jeder Saison einen bedeutenden deutschen Autor entdecken zu wollen. Das ist das eine Beispiel. Das andere ist, in dem Moment, in dem es passiert, weiß man es meistens nicht, die Journalisten, die Verleger und Buchhändler zuallerletzt. Es gab eine Leipziger Buchmesse 1913. Da ist ein Buch erschienen, das niemand beachtet hat. Dazu sind gerade mal zwei Rezensionen erschienen. Die waren auch noch verkehrt, und mein armer Kollege, in diesem Falle Kurt Wolff, hat an diesem Buch mit einer jämmerlichen Auflage von 800 Stück zwölf Jahre lang verkauft. Nur: Das Buch war von Franz Kafka. Also, in dem Moment, in dem es passiert, weiß man es nicht. Und schon gar nicht Marcel Reich-Ranicki.

Am Erker: Der deutschen Literatur wird zur Zeit gern mangelnde Bereitschaft zu unterhalten vorgeworfen.

Wagenbach: Diese Diskussion gab es schon in den fünfziger Jahren. Da wurde gesagt: Schreibt doch mal endlich wie die Amerikaner. Und nicht nur wie dieser langweilige Böll mit seinem Nicht nur zur Weihnachtszeit, was soll dieser Blödsinn, Dr. Murkes gesammeltes Schweigen, igitt, die sollen mal was Lustiges schreiben, wo richtige sentimentale Machos drin vorkommen wie bei Hemingway! Um Gottes Willen, wenn die deutsche Literatur den Weg von Hemingway gegangen wäre, wie wäre die geraten, das muss man sich auch mal überlegen. Ich habe nichts gegen den Unterhaltungswert von Literatur, man kann ihn aber nicht zu einem allgemeinen Kriterium machen, und vor allem kann man die Bedeutung der ästhetischen Arbeit für die Qualität einer Literatur nicht wegreden. Die Qualität einer Literatur hängt nicht an der Betroffenheit, sondern an der Ästhetik, nicht an den Inhalten, sondern am Ausdruck, sonst könnte man gleich die Zeitung lesen.

Am Erker: Aber stimmt es nicht, dass britische und amerikanische Autoren ihren deutschen Kollegen handwerklich überlegen sind? Schreiben als erlernbares Handwerk zu betrachten, ist hierzulande doch verpönt.

Wagenbach: Man kann natürlich eine nationale Literatur nicht mit Creative-Writing-Kursen erzeugen. Aber es ist eine andere Sache, jungen Autoren zu sagen, sie sollten sich vorstellen, sie wären Genies und sollten einfach drauflosschreiben. Ein Autor zum Beispiel, der nicht liest, wird nie ein guter Autor. Und das überrascht mich bei vielen jungen Autoren. Die lesen nicht, und insbesondere ihre Kollegen lesen sie nicht. Die halten sich alle für Genies. Interessanterweise kennen sich die wirklich guten jungen Autoren wie beispielsweise Durs Grünbein gut aus, die lesen.

Am Erker: Seit Ende der siebziger Jahre ist italienische Literatur ein Schwerpunkt des Wagenbach-Verlags. Schreiben die Italiener besser als die deutschen Autoren?

Wagenbach: Da muss ich weiter ausholen. Ein Verlag ist nie ganz unabhängig von den Interessen und Bewegungen der Leser. Außerdem ist ein Verlag auch Repressionen ausgesetzt. Wenn ich zum Beispiel dem Druck der DDR in Sachen Wolf Biermann nachgegeben hätte, wäre Wagenbach vielleicht das geworden, was später der Luchterhand-Verlag war mit seinem umfangreichen DDR-Programm, allerdings ohne die eigentlichen Dissidenten, ohne Loest, Schädlich oder Monika Maron. Aber Biermann nicht zu drucken, das wäre für mich nicht in Frage gekommen. Ein weiteres Beispiel: Wenn die Studentenbewegung sich nicht zwischen Kaderidee und militärischem Flügel festgerannt, sondern den kulturrevolutionären Aspekt weiter betont hätte, dann wäre der Verlag weiter mit ihr gegangen. So musste ich an einem bestimmten Punkt aufhören. Und wäre es zwischen 1974 und 1977 der Westberliner Justiz gelungen, den Verlag umzubringen, was ihre feste Absicht war, und hätte ich nicht einen jungen intelligenten Rechtsanwalt namens Otto Schily gehabt, mit dem wir zwar jeden Prozess tapfer verloren, aber ein endgültiges Berufsverbot verhindern konnten, dann gäbe es den Verlag nicht mehr. Und nun zu Ihrer Frage nach der italienischen Literatur. Hätte ich nicht zufällig 1975 die Scritti Corsari von Pasolini gelesen und wäre das Buch nicht erst 1978 mit dreijähriger Verspätung bei uns erschienen, nachdem es sechs oder sieben andere deutsche Verleger abgelehnt hatten, wäre es kein solcher Erfolg geworden. Die Themen Pasolinis, der Untergang der bäuerlichen Welt, das Niedermachen des Regionalen und Eigenartigen durch den Konsumismus, das wurden erst Themen der Linken, als sie grün wurde, also 1978. Und ich habe alles getan, um das Buch so für den deutschen Markt zu "fälschen", dass es auch aufgenommen wurde. Die ganzen spezifisch italienischen Sachen habe ich gnadenlos herausstreichen müssen. Durch den Erfolg der Freibeuterschriften passierten zwei Dinge: Erstens kam ein Haufen Geld in den Verlag. Ah, das ist wunderbar, herrlich. Morgens kommt der Postbote, wieder Geld. Und dann darf man als Verleger unter gar keinen Umständen den Fehler machen, das Geld auszugeben, man muss es investieren. Also habe ich ein altes Projekt wieder aufgenommen und die Zeitschrift Freibeuter gegründet, auch zu Ehren von Pasolini. Zweitens passierte etwas bei den Lesern. Sie haben gedacht: Was mag in Italien los sein, wo ein Mann solche Texte schreibt, acht Jahre vorher, und wir kommen erst jetzt darauf. Was für eine politische Kultur ist in diesem Land? Wir reden hier von einer Zeit vor Calvino und Eco, die das Interesse für Italien später gefördert haben.

Am Erker: Was ist aus dem politischen Verlag Wagenbach geworden?

Wagenbach: Leser, die uns nicht wohlgesonnen sind, sagen: Das war mal ein politischer Verlag. Sie vergessen, dass die politischen Bücher, die wir heute machen, von ihnen nicht wahrgenommen werden. Titel von Lothar Baier über die Wiedervereinigung oder von Barbara Sichtermann über Karl Marx, das sind tolle Bücher, nur kein Schwein hat sie gelesen. Der Witz ist, dass diese Bücher heute mit einer Auflage zwischen 3000 und 5000 erscheinen, während wir in den siebziger Jahren von weitaus langweiligeren Büchern, über irgendeinen lokalen Aufstand in Kalabrien zum Beispiel, 15000 Stück verkauft haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leute das wirklich gelesen haben. Ich muss zugeben, in den siebziger Jahren haben wir viel Vorläufiges auf den Markt gebracht, aber die Leute haben es gekauft.

Am Erker: Die Zukunftsaussichten für literarische Verlage sehen auch nicht gerade rosig aus?

Wagenbach: Die Verlage sind allesamt in einer schwierigen Lage. Da gibt es zwei Bewegungen. Einmal tritt eine Klasse ab, samt ihrem Bildungsanspruch. Zwar gibt es das Bürgertum noch, aber sein Bildungsanspruch ist weg. Früher musste ein Bankdirektor noch Schiller und Goethe kennen und noch ein paar andere Werke dazu, heute reicht die Zeitschrift Capital. Dazu kommt ein neuer Prozess. Die Literatur gerät in die Zange zwischen der binären Welt und dem sich verbreitenden Sumpf der privaten Sender. Da kommen wir nicht ganz ungeschoren davon. Wenn wir plötzlich statt drei Programmen sieben haben, oder zwölf oder zwanzig. Da soll sich kein Mensch einbilden, dass das nicht Zeit, Gedanken und Phantasie raubt. Dazu kommt eben die binäre Welt, die Null-und-X-Welt, deine Rede sei ja, ja, nein, nein, wie das der Personal Computer macht. Das ist eine anti-literarische Welt. Ein Computer kann nicht im Konjunktiv denken: Es könnte sein, es wäre möglich, dass ... – genau diese schönen, lebendigen Sachen kann ein Computer nicht. Neuerdings kommt noch eine weitere Begrenzung hinzu, ein ganz anderer PC, die political correctness. Ein Neger darf nicht böse sein, ein Jude darf nicht klauen, eine Frau darf nicht gemein sein. Auch wenn dieser Einfluss zur Zeit bei uns noch nicht so stark zu spüren ist, sind wir auf dem besten Wege dahin, wie gewisse Tendenzen der Frauenbewegung zeigen.

Am Erker: Ist die Literatur vom Aussterben bedroht?

Wagenbach: Das würde ich nicht sagen. Wir müssen aber davon ausgehen, dass die Zukunft der Bücher und Lesewelt von Idioten abhängt, von Idioten als im Wortsinne Eigensinnigen, die vielleicht drei Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die heutigen Leser, und das macht das Produzieren von Büchern so schwer, haben keinen Lesekanon mehr. Als Verleger haben Sie heute einen Leser vor sich, der nach dem schönen Text der Internationale weder Gott noch Kaiser noch Tribun hat. Er hat keinen Kanon mehr, er hat keine Klasse mehr, der Vater ist blöd, der Lehrer ist doof, der Pfarrer ist auch nicht mehr, was er mal war, seine meisten Mitschüler lesen nicht, er ist vereinsamt. Leser sind meist einsame Leute. Er liest auf eigene Faust mit den entsprechenden Irrtümern und Unberechenbarkeiten. Ein Verleger muss aber schon ein bisschen ins Berechenbare hinein produzieren. Und aus diesem Grunde ist die Arbeit heute viel schwieriger als früher, als wir, ich vereinfache hier, eine Art linker Dienstleistungsbetrieb waren.

Am Erker: Was sind Ihre verlegerischen Ansprüche an ein gutes Buch?

Wagenbach: Das Buch eines Autors schön zu machen, ist eine der wenigen Möglichkeiten, diesen Respekt zu bekunden. Deshalb fragen wir unsere Autoren auch: Welche Schrift willst du haben? Willst du eine bestimmte Farbe? Wie gefällt dir der Umschlag? Wenn ein Leser eines unserer Bücher sieht, dann spürt er, es ist im Konsens und nicht im Dissens mit dem Autor gemacht. Zweitens muss ein Buch erkennbar sein als aus unserem Verlag stammend. Das ist eine Überlebensfrage. Wenn wir ein Meinungsverlag sind, und wir sind einer, dann müssen wir polarisieren. Und die Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen als Leser auch andere unserer Bücher gefallen, wenn Ihnen eines gefällt, ist hoch. Das bedeutet buchästhetisch, dass unsere Bücher erkennbar sein müssen. Wir müssen unsere Leser finden, denn wir haben nicht viel Geld. Man muss dem Leser eine Orientierung geben. Dann ist ein Buch auch immer ein Widerspruch zur Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Im Prinzip ist ein Buch ja nicht zum Wegschmeißen gedacht, und das muss es auch ausdrücken. Außerdem ist es ein Stück Egoismus, es ist eine der angenehmsten Tätigkeiten, einen Satzspiegel zu entwerfen oder einen Umschlag zu diskutieren, das macht Spaß, und dafür nehmen wir uns auch Zeit

Am Erker: Wie unsere Zeitschrift Am Erker hatten die ersten Quarthefte Aufkleber. Mussten Sie diese wie wir unsere Erker-Schildchen selbst aufkleben?

Wagenbach: Nein, das wäre gar nicht möglich gewesen, Biermann hatte zum Beispiel eine Auflage von 70.000. Unser Vorbild für die Quarthefte war natürlich die Buchreihe Der jüngste Tag im Kurt Wolff Verlag, die schwarzen Schulhefte mit den aufgeklebten Etiketten. Ich habe damals eine Binderei gefunden in Bielefeld, die ist mir unvergesslich geblieben, weil sie einen wunderbaren Namen hatte, "Klemme und Bleimund". Die hatten noch eine Etikettiermaschine. Irgendwann gab es die Binderei und diese Maschine nicht mehr, wie es halt so geht.