Links:

S. Fischer
Peter Stamm
Heinrich und Hahn
Andreas Maier

 
Fritz Müller-Zech 52
Die Fritz-Müller-Zech-Kolumne
 

Friedrich Lötzin will mich verklagen. Als ich gestern kurz die Nase aus der Tür steckte, um nach dem Postboten Ausschau zu halten, hätte er es fast geschafft, in meine Werkstatt einzudringen. Glücklicherweise gelang es mir, schnell abzuriegeln, bevor ich dem Wüterich in die Hände fiel. "Ich verklag dich, Müller-Zech", brüllte er und schlug mit der Faust mehrfach gegen die Tür, "dich und dieses Mistheftchen."
Was war geschehen? Beim letzten Stammtisch des Modellflugvereins hatten wir noch friedlich zusammen ein Bier getrunken. Doch dann las er zufällig jene Ausgabe dieser Zeitschrift, in der ich ein skurriles Individuum unter dem Namen "der nervöse Norbert" habe auftreten lassen (siehe Am Erker Nr. 43), und seitdem ist er fest davon überzeugt, ich hätte ihn, einen ehrlichen Sachbearbeiter beim Straßenverkehrsamt, karikiert und damit bloßgestellt. Wie jener Norbert drehe auch er seine Zigaretten selbst, hatte er mir gleich darauf am Telefon erzählt, und ein Romanmanuskript sei ebenfalls vorhanden. Ich würde mich doch wohl erinnern, dass er mich vor einiger Zeit um Rat bei der Suche nach einem geeigneten Verlag gefragt habe. Und jetzt das! Ein Vertrauensbruch sondergleichen.
Ich war ratlos. Was sollte ich dem Mann entgegnen? Dass der "nervöse Norbert" meiner Fantasie entsprungen war? Das stimmte ja auch nicht. Aber durfte ich es wagen, das wahre Vorbild für jene Episode aufzuklären, um mir Lötzin vom Hals zu schaffen? Dabei hatte ich ganz andere Probleme. Wenn ich wenigstens aus dem Haus käme! Dann bestünde zumindest die vage Hoffnung, dass mir jemand über den Weg liefe, der in dieser Kolumne eine Rolle spielen könnte. So verbrachte ich die Tage in meiner verriegelten Werkstatt, ging abends sehr früh ins Bett und las, während der Westdeutsche Rundfunk meine Nerven mit "Musik zum Träumen" beruhigte, einen Roman über einen Schweizer Lehrer in Paris, der seinem Leben so gar nichts abgewinnen mag, sich aber dennoch vor einer möglicherweise tödlichen Krankheit fürchtet. Und dann haut er einfach ab. Kauft sich einen antiken PKW und fährt herum. In sein Heimatdorf und ans Meer. Dabei trifft er einige Frauen, eine von ihnen liebt er vielleicht sogar. Obwohl er auf den ersten Blick wie ein ziemlich abgeklärter Typ wirkt. Aber das ist wohl nur Fassade. Peter Stamm, der diese Geschichte mit gewohntem Understatement erzählt, ist ein Meister der scheinbar einfachen, dingorientierten Sprache, hinter der sich wahre Abgründe aufzutun scheinen. Wenn zum Beispiel von Andreas, der Hauptfigur, gesagt wird, dass er es mochte, Teil einer Kulisse zu sein, und dass ihm die Bilder eines Films, der in seiner Gegend gedreht wurde, realer vorkommen als die Wirklichkeit, dann klingt das sehr bedeutungsvoll, ist aber tatsächlich ein wenig kitschig. Wahrscheinlich ist dieser Roman deshalb trotz seiner manchmal aufdringlichen Tristesse so eine süffige Lektüre. Mir zumindest gefällt es, einen Satz wie "Der Hamburger war kalt und schmeckte widerlich, aber Andreas aß ihn trotzdem" zu lesen, während ich unter einer warmen Decke liege und einem einschmeichelnden Saxophon mit süßlicher Streicherbegleitung lausche.
Vor allem, wenn draußen gerade eines dieser grausigen Augustgewitter tobt und das Wasser sturzflutartig über die Dachrinne schwappt. Dann denke ich, dass die Natur manchmal eine eher unerfreuliche Erscheinungsform annimmt und mir deshalb gestohlen bleiben kann. Und doch empfinde ich Hochachtung vor jungen Menschen wie dem Schriftsteller Andreas Maier und der Theologin Christine Büchner, die sich mit Begeisterung der Wildpflanzenbestimmung und Vögelbeobachtung hingeben, um gleichzeitig dem besinnungslosen Konsum eine Abfuhr zu erteilen. Das finde ich schön, da möchte ich sogar mittun, deshalb lese ich vor dem Einschlafen gerne einige Seiten in ihrem hübschen Büchlein Bullau. Versuch über die Natur, das am Ende übrigens von einer Taube am Kölner Dom erzählt, nicht gerade von dem, was man sich gemeinhin unter Natur vorstellt. Den rätselhaften Satz, mit dem das Buch schließt, würde ich mir gerne von dem Autorenpaar erklären lassen. Überhaupt sollten die beiden schleunigst Lesungen aus diesem Büchlein veranstalten, vielleicht könnten sie noch mehr junge Leute raus ins Grüne oder Graue treiben.
Ich jedenfalls bleibe lieber drinnen, zumindest so lange, bis Friedrich Lötzin sich beruhigt hat.
So ganz von der Außenwelt ist man ja doch nicht abgeschnitten. Zeitungen kommen ins Haus, das Telefon klingelt, und manchmal lese ich sogar meine elektronische Post. Gerade hatte ich einen aufgeregten Herrn Volker am Apparat, der mir mit sich überschlagender Stimme anpries, wie viele tolle neue Bücher uns in diesem Herbst wieder geschenkt würden. Während ich mich fragte, ob die Verlage mittlerweile Callcenter beschäftigen, um kleine Kritiker wie mich für ihre Produkte zu begeistern, schwadronierte der Mann von wahnsinnig poetischen und spannenden Werken, von neu erwachter Erzählfreude und von der Poesie, die sich hinter gläsernen Romanfiguren, er sagte übrigens Menschen, verberge. Es wollte mir nicht gelingen, den Propagandisten abzuwimmeln. Doch, doch, ich würde sicherlich auf das eine oder andere Werk zurückkommen. Gewiss, auch mich interessiere brennend, warum das eine Buch, das ein Dichter aus der Uckermark immer wieder neu schreibe, jedes Mal besser werde. Und von der Weisheit einer älteren Dame aus Darmstadt hätte ich bereits als Schüler, damals war sie jünger, aber auch schon sehr weise, nicht genug bekommen können. Aber Herr Volker ließ nicht locker. Er wollte Zustimmung, Begeisterung, Ekstase. Mit wurde heiß, der Hörer entglitt meiner Hand.
Schweißgebadet wache ich auf, und mein Blick fällt auf das Feuilleton der Sonntagszeitung neben meinem Kopfkissen. Und nun macht sich wirklich mein Telefon bemerkbar. Lötzin ist am Apparat und unterbreitet mir ein Angebot: Wenn ich seinen Roman lese und weiterempfehle, werde er von einer Klage absehen. Also sage ich hier mit Nachdruck: Friedrich Lötzins autobiographisches Werk Die Frau des Sachbearbeiters ist eine Jahrhundertgeschichte. Es ist das dunkelste und hellste Buch dieses an dunklen und hellen Büchern so reichen Bücherherbstes. Es ist so klar und wahr wie die Dienstpläne des Straßenverkehrsamtes, die wir auf dreißig der insgesamt 600 Seiten dieses Romans nachlesen dürfen. Es ist wahnsinnig still und poetisch. Ein Zeugnis letzter Lebensgier. Ein Lötzin für die Ewigkeit.

 

Peter Stamm: An einem Tag wie diesem. Roman. 206 Seiten. S. Fischer. Frankfurt am Main 2006. € 19,90.

Andreas Maier / Christine Büchner: Bullau. Versuch über Natur. 127 Seiten. Heinrich & Hahn. Frankfurt am Main 2006. € 16,90.

Friedrich Lötzin: Die Frau des Sachbearbeiters. Roman. 611 Seiten. Selbstverlag. Oer-Erkenschwick 2006. € 9,99.