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Oskar Maria Graf

 
Fritz Müller-Zech 51
Die Fritz-Müller-Zech-Kolumne
 

Es war ein kalter Februartag. Kein Sonnenstrahl vermochte der dichten Wolkendecke zu trotzen. Durch die trübe Scheibe meines Küchenfensters konnte ich vermummte Gestalten mit geröteten Nasen beobachten, die in kurzen Abständen immer wieder winzige Flaschen zum Munde führten. Vor mir stand ein Teller, auf dem sich eine Scheibe Graubrot befand, die ich vor wenigen Minuten mit einer dünnen Schicht Margarine bestrichen hatte, daneben eine große Tasse. Mit spitzen Fingern nahm ich den ausgelaugten Teebeutel aus der heißen dunklen Flüssigkeit und legte ihn auf dem Tellerrand ab, wobei ich darauf achtete, das Brot nicht zu befeuchten. Kaum etwas finde ich furchtbarer als aufgeweichtes Graubrot.
Seit einigen Wochen frühstückte ich so, nur an Sonntagen gönnte ich mir ein wenig Marmelade. Mittags gab es einen Teller Gemüseeintopf, den ich in der Regel für drei Tage auf Vorrat kochte. Das Abendessen glich dem Frühstück.
Ferngesehen hatte ich seit Wochen nicht mehr, geschweige denn ein Buch gelesen oder an einem Flugzeugmodell gebastelt. Wenn es so weiterging, würde ich mir sogar einen Untermieter für die Werkstatt suchen müssen.
Jeden Tag nämlich saß ich stundenlang an meinem längst schrottreifen Computer, ärgerte mich über Windows 95 und versuchte verkäufliche Texte zu verfassen. Aber die Redaktionen waren stur. "Wir danken Ihnen für Ihre Einsendung, aber für Ihr Manuskript haben wir momentan leider keine Verwendung." Immer wieder diese Standardabsagen. Dabei gab ich mir wirklich alle Mühe, überraschte mich selbst mit geistreichen Bemerkungen, brillanten Formulierungen und scharfen Beobachtungen. Doch es schien alles umsonst. Wahrscheinlich war ich den Jungspunden, die jetzt bei den Medien das Sagen hatten, schlicht zu alt. Oder nicht poppig genug. Aber über coole Typen in der Hauptstadt zu schreiben, war meine Sache nicht. Und mit PC-Spielen kannte ich mich auch nicht aus.
Mein spärliches Bankguthaben schmolz wie das sprichwörtliche Eis in der Sonne, und selbst rigide Sparmaßnahmen würden meinen absehbaren Bankrott nicht abwenden können.
Mir fiel der gute Oskar Maria Graf ein. In einer vergleichbaren Situation hatte er teure Bücher auf Ratenzahlung gekauft und sie gleich wieder im nächsten Antiquariat zu Geld gemacht. Solche Streiche erschienen mir zu kriminell. Aber warum sollte ich nicht einige der vielen Rezensionsexemplare, die sich in der Werkstatt stapelten, verhökern. Die Biographie von Harry Graf Kessler zum Beispiel. Immer wieder hatte ich mir gerne vorgestellt, dass ein reicher kunst- und literaturinteressierter Mäzen, wie Kessler es war, sich der Geschicke von Am Erker annehmen würde, allein damit meine Beiträge endlich angemessen honoriert werden würden. Doch als ich nun in seiner Lebensgeschichte herumblätterte, stieß ich auf den Satz: "Das Elend der Boheme sprach Kessler nicht an." Ja, so waren sie, die Geldbesitzer. Ich würde meine Existenz als Bohemien wirklich gerne aufgeben, dachte ich, als es an der Tür schellte. Ich öffnete, und ein junger Mensch stand vor mir. Ob ich Herr Müller-Zech sei? Er habe meine Texte gelesen und finde in ihnen etwas, das rar geworden sei in der heutigen Literatur, nämlich einen sozialen Standpunkt. Das alles brachte er so hastig hervor, dass ich Mühe hatte, ihm zu folgen. Kurze Zeit später saß er mir gegenüber am Küchentisch. Boris, so hieß der Besucher, ärgerte sich schon seit Jahren über die deutsche Gegenwartsliteratur. Kleingeistig und spießig seien die Erzählungen, mit deren Erstellung sich eine ganze Horde stipendienverwöhnter Schreiberlinge die Zeit vertreiben würde. Sie trügen Schuld daran, dass die Literatur zum Sprachrohr der bürgerlichen Mitte verkommen sei. Boris bekam glühende Wangen: "Du Fritz, ich darf doch du sagen, bist da anders. Deinen Texten merkt man noch an, wo sie entstanden sind. Am Rande der Gesellschaft. Zwischen stillgelegten Zechen und begrünten Abraumhalden. In Riechweite eines Großschlachthofs." Er nahm einen Schluck Tee - der alte Beutel hatte noch etwas hergegeben - und strahlte mich an. Ich grinste verlegen zurück.
"Literatur muss wieder zur gesellschaftlichen Kraft werden. Wir müssen den Unterdrückten eine Stimme geben." Boris hielt es kaum auf seinem Stuhl. Und ich fühlte mich um ein Vierteljahrhundert zurückversetzt zu einem Treffen unserer Gruppe vom "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt", bei es immer ähnlich geklungen hatte. Mittlerweile aber redete Boris von "Zivilgesellschaft" und "Intervention". Irgendwie hatte ich den Faden verloren. Dafür stieg eine leise Hoffnung in mir auf. Vielleicht wollte der Literaturrevolutionär mir nicht nur verbalen Honig ums Maul schmieren. Ein literaturbegeisterter Millionär fiel mir ein, der sich vor Jahrzehnten eines armen Heidedichters angenommen hatte. Sollte mir hier ähnliches widerfahren? Verfügte Boris vielleicht auch über ein Millionenerbe?
"... und darum haben wir uns gefragt", unangenehm riss mich die Stimme aus meinen Gedanken, "ob du uns nicht unterstützen könntest. Wir wollen nämlich eine Zeitschrift für engagierte Literatur gründen. Das Megaphon soll sie heißen. Leider haben wir überhaupt kein Geld, und das Kulturamt rückt auch nix raus. Darum versuchen wir jetzt Privatleute für die Sache zu gewinnen."
Ich weiß nicht, warum ich so ruhig blieb. Höflich bot ich Boris eine weitere Tasse Tee an. Aber er befand sich schon im Aufbruch. Fast unbemerkt hatte er mir einen Zettel mit seiner Kontonummer in die Hand gedrückt. Ich starrte auf die Zahlenreihe, während er seinen Anorak anzog. Und dann war er fort. Ich aber saß am Küchentisch, weinte ein wenig und plante einen Umzug nach Berlin-Neukölln.

 

Laird McLeod Easton: Der Rote Graf. Harry Graf Kessler und seine Zeit. Aus dem Amerikanischen von Klaus Kochmann. 575 Seiten. Klett-Cotta. Stuttgart 2005. € 39,50

Oskar Maria Graf: Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis. 503 Seiten. DTV. München 2002. € 12,50