Am Erker 67

text + kritik 200

Krachkultur 16

die horen 253

poet 15

poet 16

BELLA triste 37

BELLA triste 38

Edit 64

Kultur & Gespenster 14

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Krachkultur

 
Zeitschriftenschau 67
Andreas Heckmann
 

Zu den schönen Traditionen von Text + Kritik gehört es, die Autorenhefte mit einem Beitrag des jeweils behandelten Schriftstellers zu eröffnen. Die 200. Ausgabe ist Hans Fallada gewidmet, sein kleiner Essay aus den frühen 30ern trägt den Titel "Ernest Hemingway oder Woran liegt es?", und es geht um den Zauber der Hemingway'schen Lakonie, potenziert durch den Zauber Fallada'scher Sachlichkeit. "Zeichnen ist Weglassen", heißt es gegen Ende, "auch Erzählen ist Weglassen. Es ist ganz ungeheuerlich, wie Hemingway das macht. Er erzählt Details über Details. Wie man in eine Stadt kommt, sich ein Hotelzimmer nimmt, mit dem Portier ein paar Worte spricht, raufgeht, sich wäscht, ein frisches Hemd anzieht, Anzüge in den Schrank hängt, wieder in die Stadt geht, eine Zeitung kauft - Details über Details, Weglassen aller Gefühle, es gibt keinen Autor –: und aus all dem steigt Traurigkeit auf, die Verlorenheit im Leben, unsere Ziellosigkeit, Ausgeliefertsein an das Schicksal. Hemingway spricht nie davon, er spricht nie von Gefühlen; wenn er von Liebe spricht, ist das keine hohe Göttertochter, sondern eine ganz irdische Sache, Geschwätz zu zweien, wie schön es ist, zusammen ins Bett zu gehen, den Regen vor den Fenstern zu hören, sich zu halten. (...) Er gibt den Umriß, das andere haben wir zu geben. Wenn wir etwas zu geben haben, da liegt das Geheimnis. Er gibt die Vorbedingungen für die Gefühle, das andere müssen wir schon machen, wenn wir eben fühlen können. Er gibt den Anlaß zur Liebe, aber haben wir auch das Herz, zu lieben? Daran liegt es.“
Über den Rest des Hefts – primär germanistische Klimmzüge der verspannteren Art – schweige ich schonend und gebe nur zu bedenken, dass viele Beiträger ihren Stil erheblich hätten schulen sollen, statt mit gräulichen Termini überfrachtete Theorien nach dem Motto "Was nicht passt, wird passend gemacht" auf Literatur zu applizieren. Auch Philologen sollten con amore schreiben, denn ihr Gegenstand, die Literatur, gibt "den Anlaß zur Liebe, aber haben wir auch das Herz, zu lieben?"
Dieses Herz besitzt Sabine Lange, in Stralsund geborene Lyrikerin und 1985-99 Archivarin des Fallada-Nachlasses. Viel hat sie zu Fallada veröffentlicht, auch In meinem fremden Land, sein 1944 entstandenes Gefängnistagebuch (Aufbau 2009). Für die neue, den "Flüssigdichtstoffen" gewidmete Krachkultur hat sie einen dort erstveröffentlichten Brief Falladas aus dem Gefängnis an seine elfjährige Tochter Lore Ditzen vom 21.9.1944 kommentiert, und zwar auf kundigste, aufschließendste, ihre Leser in die Lebens- und Schreibsituation des Autors in leichtem Ton und schwingenden Sätzen profund einführende Weise, sodass der faksimilierte und transkribierte Brief und dessen Kommentierung für mich das Herzstück des Hefts darstellt, das darüber hinaus teils erstveröffentlichte Texte so großer Bier- und Schnapsdrosseln wie Charles Bukowski und Malcolm Lowry enthält, aber auch neue deutsche Literatur etwa von Chris Trautmann und Andreas von Flotow und schließlich "Drei Embleme zur See", visionäre Gedichte zu Fotos, vorgelegt von dem Erlanger Studiosus Joseph Felix Ernst, den die Altöttinger und Burghausener noch unter dem Nachnamen Reinthaler kennen. 2011 hat er den Berliner Open Mike gewonnen und gibt mit seinen fünfundzwanzig Jahren zu größten Hoffnungen allerberechtigtsten Anlass. Ein Spinner übrigens, im besten Sinne, ein schwergewichtiger Bär, einer mit großem Charisma. Und bei ihm ist der Flüssigdichtstoff das Meer - wie schon bei Thomas Mann und Melville.
"Vom leisen Fieber des Schatzgräbers. Wiederentdeckungen" lautet das Thema der 253. Ausgabe der horen, in der einer teils illustren Reihe deutschsprachiger Schriftsteller carte blanche gegeben wird, um die Aufmerksamkeit auf vergessene Autoren zu lenken. Das Ergebnis fällt nicht allzu originell aus, und oft vermittelt sich kaum, warum es lohnen mag, die erwählten Literaten (wieder) zu lesen. Routinierte Würdigungen sind das meist, denen es - ich komme heute nicht los davon - oft erklecklich an Herzblut fehlt. Die große Ausnahme stellt freilich (neben Norbert Weiß' Beitrag "Der Frevler, der die Harmonie bestreitet. Manfred Streubel (1932-92)") Peter Wawerzineks Text zu Matthias BAADER Holst (1962-90) dar, und es dürfte kein Zufall sein, dass beide Beiträge aus großer Nähe entstandene Nachrufe auf Dichterfreunde sind, mit denen die Verfasser wichtige Lebenszeit teilten. Wawerzinek zitiert das Holst-Gedicht "für myriam", aus dem auch ich zitieren möchte, denn BAADER gehört gelesen: "du in london ich im leichenschauhaus / ein jeder wohl an seinem platz / wir schliefen einst ins licht uns einsam / du gabst dich hin ich las die taz / wir trafen uns und tauschten sterben / wir lebten weils nicht anders ging / du lobtest schnaps und blondes sperma / ich drosch dich heim in mein sing sing (...)". Und dann, als Wawerzinek schon fertig ist mit seinem berührenden Nachruf auf den Freund und auf die Zeit mit ihm, fasst er sich ein Herz und schreibt diese nahezu unglaublichen Sätze: "Ich hätte viel mehr zu BAADER schreiben wollen. Es wäre mir so gelegen gekommen, einmal richtig auszuholen und klarzustellen, welche Position BAADER innerhalb der Literatur gebührt. Und ich habe mir schon schöne Kernsätze zurechtgelegt für meinen Rundumschlag, der mich selbst auch in ein würdigeres Licht gesetzt hätte. Aber dann ist da die Mutter meiner jüngsten Tochter freiwillig aus dem Leben geschieden, wie man sagt. Und alle diese weniger bekannten Erinnerungen kamen in mir hoch. Damals. Als wir auf engstem Raum lebten. Als wir bitterarm waren. Jede Kirchenmaus uns verlachte. Und uns ununterbrochen besuchten. Weil wir Kunst schufen und viel zu viel Zeit hatten. Und Karten spielten. Auf dem Bretterboden unsere Mahlzeiten abhielten. Und jeder an sich glaubte und doch für sich kaum Chancen sah. Und wir uns gegenseitig Gedichte vorlasen, wenn wir nicht das Geld hatten, zum Festival zu fahren. Und zu den doofen Partys stürmten, unsere Mägen zu erfreuen. Und jeden Morgen wieder gegen die verdammten Kollegen wetterten, die nur den Bodensatz an Talent besaßen, diesen mächtig im Glas verrührten, dass ihre Trickbetrügerei wie ein Mixgetränk ausschaute. Und ich weiß noch, dass BAADER und meine Freundin, die nun nicht mehr ist, ihre Fäuste geballt haben und sich einig waren: dafür, geboren worden zu sein, können wir nichts auf Erden. Uns aber das Leben zu nehmen, den Zeitpunkt selber zu bestimmen, kann uns niemand nehmen. BAADER hat nicht aufgepasst und verunglückte tödlich. Erich Maas ging nicht rechtzeitig zum Arzt und erlag einem Blutgerinnsel. Ricarda hörte das Lied 'Sturzflug' aus der Sammlung Rabenliebeslieder, die ich leider niemals produziert habe. Wenn ich noch auf einen Umstand verweisen darf, dann auf diesen hier: Wir haben uns früher viel unvorsichtiger benommen und flinker angefreundet und ohne zu zögern agiert, ratzbatz zugeschlagen. Und BAADER hat den Takt vorgegeben und führt die Peitsche über den Tod hinaus zur aktiven Trauerarbeit."
Im aktuellen poet 16 lässt sich durchaus blättern, spannender aber ist poet 15, der feine Kurz- und Kürzestprosa von Franziska Gerstenberg und Sibylle Luithlen enthält, eine neue Folge der inspirierten Braun- Buselmeier'schen Kommentierungen so schöner Gedichte wie "Die Vorzüge der Windhühner" (Günter Grass), "Kind" (Christoph Meckel) und "Ans Meer" (Oskar Loerke) und schließlich ein Gespräch mit dem Siegener Autor crauss, dem Träger des Am-Erker-Kurzgeschichtenpreises 2001, der sich mit so starken Gedichtbänden wie Lakritzvergiftung und Schönheit des Wassers (beide bei J. Frank) längst in die oberen Ränge der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur geschrieben hat. Siegen, eine legendär hässliche Stadt in grausiger Peripherie mit einer zumal in den Geisteswissenschaften allerdings sehr angesehenen Universität, ist das Spielfeld dieses studierten Sprachmagiers, und das - von Stipendiatenaufenthalten und einer Berliner Episode abgesehen – seit über vierzig Jahren. Warum bleibt man in der Provinz, zumal als schwuler Paradiesvogel? crauss' "Gepflegtes Jammern über periphere Zustände" dürfte mit seinen klugen, unprätentiösen, charmant-witzigen Antworten auch Großstadtpflanzen Mut machen, die - Geheimnis des Urbanen - sich oft genug selbst als peripher erleben. Auch Interviewpartner Mario Osterland sei gedankt, dessen empathische Gesprächsführung an die besten poet-Gespräche der Jan-Kuhlbrodt-Schule anknüpft.
BELLA triste hat für Heft 37 ein Gespräch mit Jo Lendle geführt, in dem es um seine Doppelrolle als Schriftsteller und Verleger geht, um sein Verhältnis zur Kurzprosa (es hat sich leider eingetrübt) und über seine Vorstellungen, wie spannende Literatur heutzutage aussehen könnte. Vielleicht so, wie Sharmila Banerjee es in Nr. 38 mit dem Comic "Music was my first love" vormacht? Dort liegt ein Mädchen am Boden und hört so lange "Heaven Knows I'm Miserable Now" von den Smiths, bis es der Platte zu bunt wird und sie mit einem Sprung auf die Bremse tritt. "Das hast du wohl mit Absicht gemacht?", fragt das Mädchen das Walrossgesicht, das sie aus der Plattenmitte ansieht. "Stimmt! Wir brauchen eine Pause", erhält sie zur Antwort, die Scheibe verwandelt sich in einen walrossbärtigen Begleiter, dem die LP zu einer Mischung aus Hutkrempe und Heiligenschein wird, und ab geht's in den nächsten Plattenladen. Dabei zeigt der neue Freund sich besorgt. Das Mädchen sei in letzter Zeit immer so mies drauf und solle doch mal was Neues hören, Take That vielleicht. Im Plattenladen ist es plötzlich sehr bunt, sehr digital und wahnsinnig positiv, mit Tanz und Elektro und Spaß haben und Lieben, Lachen, Hahaha. "Wirst du jetzt etwa zur Raverin? Unglaublich!", konstatiert das Plattenwalross, eine Smiley-CD in der Hand. Warum es dann doch nicht so schlimm kommt, steht auf Seite 56.
Von Heike Geißler gab es in letzter Zeit wenig zu lesen, doch in Edit 64 meldet sie sich mit den ersten beiden Teilen der literarischen Reportage "Saisonarbeit" über ihre Tätigkeit im Amazon-Logistikzentrum Leipzig eindrucksvoll zurück. Die als Hörstück konzipierte Arbeit kann komplett - und eingelesen von der Autorin - unter editonline.de/saisonarbeit im Netz angehört werden.
Lange gab es keine Kultur & Gespenster mehr, und entsprechend groß war die Neugier auf Nr. 14, die sich primär dem Radio zuwendet, ohne dabei wesentlich mehr zu sein als ein Reader zu einer 2009/10 in Hamburg durchgeführten Fortbildungsreihe, deren Beiträge wohl als Bausteine zu einer Radiotheorie im Licht der Erfahrungen des Internets beschrieben werden können. Immerhin schafft die Bildstrecke "Radiotürme" von Michaela Melián mit ihren asseligen Schwarz-Weiß-Fotos von Sendemasten und Antennen, die qua Nähmaschine be- und übernäht wurden, mit leichter Hand abgründige visuelle Reflexionsräume. Wie gut, dass es außerhalb des Hauptthemas noch anregende Beiträge über die Osterinsel, über Hipsterkatzen als "Inventors of Tradition" am Beispiel des Scottish Style und über die "Verfertigung der Subkultur beim Reden" (eher: über deren Beschwörung am Beispiel des Hamburger Gängeviertels) gibt. Nicht zu vergessen die Bildstrecke "Miami" der 2013 98-jährig verstorbenen Fotografin und Hubert-Fichte-Freundin Leonore Mau. 

 
  • BELLA triste 37 und 38. Je € 5,35.
  • Edit 64. € 5,00.
  • die horen 253: Vom leisen Fieber des Schatzgräbers. Wiederentdeckungen. € 14,00.
  • Krachkultur 16: Flüssigdichtstoffe. € 12,00.
  • Kultur & Gespenster 14: Radio. € 16,00.
  • poet 15 und 16. Je € 9,80.
  • Text + Kritik 200: Hans Fallada. € 19,00.