Am Erker 80

 
Texte
Am Erker 80, Münster, April 2021
 

Anne Kersgaard
Am Arbeiterstrand

Der Abend ist heiß und schwer und die Luft von einer Schwüle, dass man meint, in warmem Wasser zu treiben. Drüben im Donaupark hat die Liliputbahn ihre letzte Runde gedreht. Der Mandl sitzt auf seiner Bank und blickt hinauf in den Himmel, der sich langsam rot färbt. Es ist kurz vor acht.
Jeden Tag um sechs kommt der Mandl hierher und nimmt seinen Platz auf der Bank am Rande des Parks ein. Das ist sein Ritual. Er hat Bier dabei, nicht allzu viel, aber genug, um den Durst zu löschen. Dann sitzt er da und schaut, was sich so ereignet. Er mag es, wie die Schwalben um diese Zeit tief durch die Lüfte zischen, um noch ein paar fette Mücken zu kassieren. Nicht viel später werden die Fledermäuse sie ablösen.
Früher, als der Mandl noch verheiratet war, hat er um diese Stunde oft mit seiner Frau auf dem Balkon seiner Wohnung gestanden und auf den Donaupark hinabgesehen. Die Schwalben sirrten auch damals durch die Luft, und er weiß noch, dass er glücklich war.
Jetzt braucht der Mandl nicht mehr viel. Ein Dach überm Kopf, etwas zu essen, eine Beschäftigung. Aber seine Frau, die fehlt ihm.
Als ihm der Doktor Wimmer damals gesagt hatte, dass er zu denjenigen gehöre, die nach dem Aufkauf der Fabrik durch die Bank nicht mehr gebraucht würden, hatte er das mit einem stillen Kopfnicken quittiert. Die Wohnung nahe der UNO-City war Eigentum, er konnte zum Arbeitsmarktservice gehen, er würde schon irgendwie durchkommen. Das war vor zwölf Jahren gewesen.
Inzwischen ist der Mandl sich nicht mehr so sicher, ob er es schaffen wird. Die Zeiten sind hart, und es fehlt an allem. Das Bier am Abend an der Arbeiterstrandbadstraße leistet er sich anstelle eines Abendessens. Und seine Wohnung heizt er seit dem vorletzten Winter mit einem altmodischen Kohlenofen.
Tschuldigen, durchdringt auf einmal eine helle Stimme seine Gedanken. Hast du das verloren?
Der Mandl sieht auf. Vor ihm steht ein kleines Mädchen von höchstens acht oder neun Jahren und hält ihm ein abgegriffenes Lederetui hin.
Naaa, sagt der Mandl gedehnt und nimmt dem Mädchen das Etui ab, aber lass amal schaun.
Er dreht das Stück Leder in den Händen und untersucht es. Warum ist dieses kleine Mädchen um diese Uhrzeit noch hier draußen? In letzter Zeit gab es immer wieder Negatives über den Park zu hören. Dealer sind da neuerdings und herumlungernde Jugendliche, die andere Parkbesucher bedrohen und belästigen. Nach Einbruch der Dunkelheit soll man möglichst gar nicht mehr herkommen, heißt es.
Wer bist'n du, fragt der Mandl deshalb, wissen deine Eltern, wo du bist?
Das Mädchen grinst verlegen. Druckst herum, ziert sich. Nada, sagt es schließlich, i bin die Nada, und meine Eltern, de san net dahaam. Das Mädchen lächelt immer noch. Irgendwie sieht es aus, als wäre es stolz darauf, gerade ein Geheimnis mit ihm geteilt zu haben. Mit jemandem, der es wirklich wert ist.
I muss jetzt haam, sagt Nada dann unverhofft, mei Schwester is allein z'Haus. Und während der Mandl noch nach Worten sucht, ist sie schon weg. 
Die Brieftasche, die ihm das Mädchen gereicht hatte, legt er unter die Bank, ohne sie geöffnet zu haben. Wer immer sie verloren hat, wird danach schauen, denkt er.

Am nächsten Tag ist der Mandl wieder wie immer um sechs am Donaupark, genau gegenüber dem Arbeiterstrandbad steht seine Bank. Rechter Hand liegt das chinesische Restaurant 'Dragon Lounge'. Der Mandl war einmal dort, vor ewigen Zeiten, als er noch Arbeit hatte. Da hatte es damals ein Betriebsessen gegeben, mit irgendwelchen wichtigen Leuten aus Deutschland. Wie das Essen war, weiß er aber nicht mehr. Nur dass das Restaurant ihn beeindruckt hat, weiß er noch. Denn schon für sich genommen ist dessen Bau spektakulär, wie ein Palast aus einem Märchen liegt das pagodengeschmückte Gebäude inmitten eines kleinen chinesischen Gartens voller Steinlöwen und exotischer Bäume. Sogar einen langgezogenen kleinen Teich gibt es, dessen schmalste Stelle von einer gebogenen Holzbrücke überspannt wird und in dessen Mitte ein künstlicher Reiher steht, der auf ewig nach Fischen sucht. Bewehrt sind Palast und Garten ringsum von einer geschwungenen Steinmauer, die, von Auslassungen durchbrochen, alle paar Meter einen Blick ins Innere gewährt. Ein von majestätischen Drachen bewachtes Tor an der Arbeiterstrandbadstraße lädt in den Garten ein. Eine Tafel an der Seite des Tors verrät, dass das Gebäude seit über dreißig Jahren hier steht und aus Einzelteilen erbaut wurde, die ursprünglich aus China hierher geschafft worden sind.
Jetzt, im schwindenden Abendlicht, lässt die angehende Röte des Himmels die Pagodendächer wie feuriges Gold leuchten, und der Mandl fragt sich, wie schon so oft zuvor, ob dieser Palast auch damals in China ein Restaurant beherbergt hatte oder ob er anderen, geheimen Zwecken gedient haben mochte.
Das Mädchen von gestern fällt ihm ein und damit auch das Lederetui. Er blickt unter die Bank und stellt fest, dass es noch immer da ist. Als er wieder aufsieht, steht Nada vor ihm.
Des hat kaaner g'holt, sagt sie, i hab heut immer wieder g'schaut.
Sie setzt sich zu ihm auf die Bank.
Weißt du, was des is?, fragt der Mandl und nickt in Richtung des Chinarestaurants.
Nada schüttelt den Kopf und lässt erwartungsvoll ihre Beine baumeln.
Das ist der 'Tempel der Tränen'. Ein Palast ist das aus dem Alten China.
Und dann erzählt der Mandl die Geschichte von dem Königssohn und dessen unglücklicher Liebe.

Seit diesem Abend treffen die beiden einander jeden Tag um sieben an der Bank am Arbeiterstrand. Bier kauft der Mandl allerdings keines mehr. Lieber kauft er ihnen von dem gesparten Geld ein Eis. Erdbeer Combino für Nada, denn das mag sie am liebsten. Und irgendetwas anderes für den Mandl, denn der probiert möglichst oft etwas Neues aus.
Und dann reden sie, reden über alles Mögliche. Über den Donaupark und den Turm, über die Touristen und die Hiesigen. Und über die vielen Seltsamkeiten, die es hier in Kaisermühlen zu entdecken gibt: die Monumente und Artefakte im Park, von denen sie nicht wissen, was sie darstellen sollen oder wozu sie gut sind; die dichten Büsche am Teich in der Mitte des Parks, in denen Kolonien von winzigen bunten Vögeln nisten; die kolossartigen Mähboote auf der Alten Donau; und der riesige, alles überragende Turm, der ihnen so unheimlich wie faszinierend scheint, weil sie wissen, dass man von seiner Spitze sieht, was jenseits des Parks und des Strandes liegt - und was sie von hier aus nur erahnen können. Am liebsten aber hört die Nada die Geschichten, die der Mandl zu erzählen weiß. Und am allerliebsten hört sie die Geschichte von dem traurigen Königssohn, der seine geliebte Prinzessin nicht freien durfte, da ihrer beider Vaterländer im Krieg miteinander lagen. Und auf dessen Palast aus unvordenklicher Zeit die Nada und der Mandl jeden Abend schauen, nachdem er einst in China abgetragen und Stein für Stein hier in Kaisermühlen wieder aufgebaut worden ist, den Hiesigen zur Erbauung und den unglücklichen Königskindern zum Gedächtnis.

Und auch von sich und ihrem Leben erzählen die beiden einander, der Mandl von seiner Frau und wie der Doktor Wimmer ihm damals gesagt hat, dass es aus ist für ihn in der Fabrik. Und dass er eigentlich Hermann heißt und sich schon immer einen Hund gewünscht hat, aber in der Wohnung drüben an der UNO-City keinen halten darf.
Die Nada wiederum erzählt dem Mandl von der Schule und dass sie diese gerade gar nicht vermisst. Und irgendwann sagt sie auch, woher ihre Familie kommt, aus Serbien nämlich, und dass sie außer ihrer Schwester auch noch vier Brüder hat, die aber alle nicht in Wien leben, sondern irgendwo sonst in Europa. Und dass ihr Vater irgendwo in der Leopoldstadt arbeitet.
Er beschützt dort Leut, sagt sie, die ihren Feierabend genießen wollen. Aber in letzter Zeit hat er dort immer mehr Probleme. Mit Tschuschenen.
Tschetschenen meinst du wohl, sagt der Mandl, aber die Nada besteht darauf, dass es der Vater genau so gesagt habe: Tschuschenen.

So nimmt der Sommer seinen Lauf, die Schwalben sirren, bis die Fledermäuse ihnen schwankend nachfolgen, und die späte Sonne färbt, jeden Tag ein wenig früher, die Pagodendächer goldrot. Bis eines Tages der Mandl, als er einmal ein wenig auf die Nada warten muss, auf die Idee kommt, das Etui, das noch immer, tagein, tagaus und trotzend jeder Witterung auf dem Boden unter der Bank liegt, zu öffnen. Was er darin findet, sind einige vergilbte, unleserliche Zettel - und ein gut erhaltener Zehner.
Weißt was?, sagt er, als die Nada schließlich bei ihm eintrudelt. Wennst magst, machen wir morgen an Ausflug. Drüben an der Kagraner Brücke gibt's eine Bootsanlegestelle. Für zehn Euro kann man da ein Tretboot mieten und auf die Alte Donau hinausfahren. Wir können das Gänsehäufel abfahren und zum Klettersteigpark fahren und schaun, wer da so durch die Wipfel läuft, und dann fahr ma zurück. Nur müssen wir uns dafür morgen schon etwas früher treffen.
Und genau so haben sie es auch gemacht.

Wie der Mandl zwei Wochen später aus dem Krankenhaus wieder daheim war, hat der Plötzinger ihm erzählt, dass die Wawerka ihn und die Nada damals "drunt bei de Schinakeln" gesehen hatte. Alles Weitere könne er sich ja wohl denken, meinte der Plötzinger, alldieweil die Wawerka im gleichen Haus wohne wie die Familie von der Nada.
Zu seinem angestammten Platz am Arbeiterstrand ist der Mandl jedenfalls nie wieder gegangen. Sein allabendliches Bier trinkt er jetzt auf seinem Balkon im 27. Stock, weit droben über dem Donaupark. In der Ferne, etwas hinter dem Chinarestaurant, kann er die stets leere Bank zwischen Park und Strand ausmachen. Und manchmal, wenn die sinkende Sonne die Pagodendächer goldrot färbt, denkt er an eine lang verlorene Zeit.