Am Erker 54

Tiertage

Lauf Jäger lauf

Langsamer Walzer

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Henning Ahrens

 
Henning Ahrens

Im Gespräch mit Andreas Heckmann, Derk Frerichs und Anna Serafin

Am Erker 54, Münster, November 2007
[auch als Download im rtf-Format]

"Die Literatur ist ein langsames Umgraben - ob auf dem Land oder in der Stadt"

Am Erker: Wenn du das Leben in der Provinz mit dem in der Großstadt vergleichst - siehst du da heute noch Unterschiede?

Henning Ahrens: Ich glaube, dass sich die Unterschiede zum Teil verwischen. Nach dem Umzug in dieses Dorf ist mir vor allem aufgefallen, dass es eine bestimmte Art von Leuten, die ich aus der Stadt kenne - ich habe lange in Kiel gelebt und bin häufiger in Berlin -, hier nicht gibt. Das müssen nicht Autoren oder Künstler sein, aber Leute mit bestimmten Interessen oder einem bestimmten Bildungsniveau, aus denen ich normalerweise meine Freunde rekrutiere. Diese Schicht ist auf dem Land oder in der Kleinstadt kaum vertreten. Wenn man aufs Land zieht und ein geselliger Typ ist, könnte man also Probleme bekommen. Aber ich kann gut allein sein, und daher hat es mir wenig ausgemacht.
Das habe ich als den wichtigsten Unterschied empfunden. Und dass die Hierarchien in der Kleinstadt viel ausgeprägter sind als in der Großstadt - oder viel offensichtlicher. Als Autor ist man ja nicht recht einzuordnen, es sei denn, man ist rasend erfolgreich. Das ist bei mir nicht der Fall. Also wissen die Leute mit mir nicht viel anzufangen und können mich nicht einsortieren.

Am Erker: Also diese fest gefügten Dorfstrukturen - das ist schon ein Unterschied zur Großstadt?

Henning Ahrens: Ja, die Offenheit hier ist nicht gerade groß. Als Kind - ich bin zwei Kilometer entfernt aufgewachsen - ist mir das nicht so aufgefallen. Da war ich über meine Eltern im Dorf integriert, aber als ich wieder hierhergezogen bin, hab ich bei meinen Kindern gemerkt, dass es gar nicht einfach war. In Kiel sind sie von Haustür zu Haustür gelaufen, rein, raus, kein Problem. Das geht hier nicht, da muss man sich eine Woche vorher verabreden, dann klappt es vielleicht, das ist sehr unflexibel. Für die Kinder fand ich das schwierig.

Am Erker: Du hast dich trotzdem entschieden, hier zu leben?

Henning Ahrens: Ich war damals mit meiner Familie hergezogen, doch die Ehe ging auseinander, und meine Frau ist mit den Kindern wieder nach Kiel zurück. Dann hatte ich eine Freundin in Berlin und wollte dorthinziehen. Nur ist es so, dass die Gegend hier nicht unbedingt boomt, und für das Haus hätte ich deshalb kaum etwas bekommen. Also hab ich mir gedacht: Du warst jahrelang unterwegs, mal in Berlin, mal in München - du willst irgendwo ankommen. Dann hab ich auch begonnen, mich hier wieder wohl zu fühlen. Am Anfang war das ein bisschen wie ein Rückschritt. Ich dachte: Du gehst dorthin zurück, wo du hergekommen bist, wie schrecklich. Man will ja immer größer, besser und so weiter, und ich wollte eben lange nach Berlin, auch weil ich dort Freunde habe, aber inzwischen ist mir das doch sehr entrückt.

Derk Frerichs: Das würde ich wahrscheinlich auch so sehen, wenn ich wieder nach Ostfriesland aufs Dorf müsste. Ich bin damals quasi geflohen ...

Henning Ahrens: Ja, anfangs kommt einem das ein bisschen regressiv vor.

Am Erker: Aber vielleicht kann man's dann irgendwann. Und zum Arbeiten ist es bestimmt gut.

Henning Ahrens: Ja. Außerdem ist es so, dass die Welt, an die man sich aus der Kindheit erinnert, in dieser Form keinen Bestand mehr hat. Da hat sich viel verändert. Es ist nicht mehr das, was ich kannte. Und die Leute von damals sind fast alle weg. Ich bin wiedergekommen, aber die meisten sind weggezogen. Als ich nach Kiel ging, haben die Kieler gesagt: "Ich geh nicht aus Kiel weg." Das war mir völlig fremd, hier ist jeder weggegangen. Und die Kieler - Wasser und so: Die wollten alle bleiben. Aber inzwischen hab ich mich eingewöhnt, ich mag die Landschaft und merke auch, dass ich gewissermaßen meine Wurzeln hier habe, die ganze Familiengeschichte. Diese Landschaft bedeutet mir viel. Und es liegt relativ günstig, nach Berlin sind es anderthalb Stunden mit dem Zug, nach Hamburg genauso. Man kann hier jederzeit raus.

Am Erker: Es ist schon eher platt hier, oder?

Henning Ahrens: Total platt! Es gibt hier einen Berg, aber der ist nur hundert Meter hoch. Das ist alles von den Gletschern geplättet. Es ist völlig unspektakulär, sehr zersiedelt, von Straßen durchschnitten - das Gegenteil von idyllisch. Aber das hab ich immer gemocht, denn so gibt's viele Reibungsflächen. Es gibt nette Ecken, aber die muss man sich suchen. Ich würde nicht in einer total idyllischen Landschaft leben wollen, in Ostholstein zum Beispiel. Da bin ich lieber hier und stolpere mal über einen Hochspannungsmast.

Am Erker: Du magst diesen Kontrast zwischen ländlich und technisch-industriell also?

Henning Ahrens: Genau, diese Reibung. Ansonsten ähneln sich das Leben auf dem Land und das in der Stadt. Durch die technischen Möglichkeiten hat sich viel nivelliert, obwohl es vielleicht noch ländliche Gebiete in Deutschland gibt, wo die alten Strukturen intakter sind.
Als Autor auf dem Land wird man in Deutschland merkwürdig angeguckt. Man hat das Gefühl, man müsste eigentlich in der Großstadt leben. Vor ein paar Jahren hat die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung das Sommerloch mit einem Artikel darüber gefüllt, dass Autoren angeblich wieder aufs Land ziehen. Dazu gab's eine Deutschlandkarte, auf der die Wohnorte der Schriftsteller eingezeichnet waren. Diese Fluktuation hat's aber immer gegeben, hin und her.
Deutschland ist ja eher provinziell, darum wird das mit den Städten so betont. Ich finde das schon speziell - in England oder in Amerika leben so viele Künstler, auch wichtige, auf dem Land. Das kratzt da keinen.

Am Erker: Das Land sei "seinen Klischees längst entwachsen", lässt du den Maler Rudolf in Tiertage sagen - den Klischees von Rückständigkeit?

Henning Ahrens: Wenn ich mir Bilderbücher für Kinder anschaue - ich habe zwei Söhne, aber sie sind schon etwas älter -, dann wird da ein Bild vom Land gezeichnet, das es nicht mehr gibt. Da sieht man tolle Bauernhöfe: Für Kinder mag das nett sein, aber das entspricht in keiner Weise der Realität, weil sich die Landwirtschaft völlig verändert hat. Ich bin mal in einen Mähdrescher gestiegen, in so einen neuen, und dachte: Was ist denn das? Das war so ein Hightech-Teil mit Bildschirm. Früher saß mein Vater vorn drauf ohne Kabine, setzte sich eine Brille auf und trackerte übers Feld. Heute ist das Schneidwerk lasergelenkt. In der Zeit war mal ein Fahrbericht über einen Claas-Mähdrescher. Da wurde sehr schön deutlich, wie wenig der ländliche Alltag noch den alten Vorstellungen entspricht. Es ist alles anders geworden und ändert sich weiter mit den Biogasanlagen und der Erzeugung von Bio-Brennstoffen. Die Landwirtschaft prägt diese Region kaum noch. Es gibt nur noch wenige Bauern, jedenfalls im Vergleich zu früher.

Am Erker: Siehst du Zusammenhänge zwischen der Provinz und deinem Schreiben oder deinen Themen?

Henning Ahrens: Durchaus. Provinz klingt immer etwas heikel. Aber Tiertage habe ich bewusst in der Provinz spielen lassen, obwohl fast alle Figuren auch in der Stadt hätten leben können.
In diesem Roman wollte ich unter anderem darstellen, wie sich die Provinz verändert hat, dass sie nicht mehr den Klischees entspricht. Und warum sollte man einen Raum, der den größten Teil Deutschlands ausmacht, nicht für die Literatur fruchtbar machen? Das bietet sich an. Ich möchte das auch weiter tun. Kann sein, dass ich mich im nächsten Buch wieder dieser Gegend bediene, auch weil ich sie vor Augen habe - das ist ein großer Vorteil.

Am Erker: Und bei deinen anderen Romanen, vor allem bei Lauf Jäger lauf?

Henning Ahrens: Der spielt ja in einer montierten Kunstwelt, wie Langsamer Walzer. Diese Bücher bestehen aus Landschaften oder Städten, die ich zusammengesetzt habe. Tiertage ist mein erster Roman, der ein halbwegs konkretes Setting hat, auch wenn es sich streng genommen nicht um dieses Dorf handelt. Einheimische werden manche Lokalitäten aber wiedererkennen.

Am Erker: Wenn man Google Maps anklickt und sich die Welt von oben anschaut, kann man den Baggersee aus Tiertage erkennen.

Henning Ahrens: Wirklich?

Am Erker: Man erkennt die Halbinsel, die in den See ragt, den Hochspannungsmast darauf und sogar die Hochspannungsleitungen.

Henning Ahrens: Im Ernst? Ich bin offenbar doch ein bisschen hinterm Berg hier.

Am Erker: Man erkennt auch den Hafen am Mittellandkanal mit einem Schiff drin und kann sich vorstellen, wie Mr. Allyours dort von seiner Lady Why abgefertigt worden ist und geläutert zurück in seine Sasse hoppelt. Es ist merkwürdig, Orte, von denen man aufgrund ihrer Beschreibung bereits angenommen hat, dass es sie wirklich gibt, direkt ansteuern zu können. Wenn man weiß, wo ein Schriftsteller wohnt, kann man ihm quasi aus der Luft auflauern, um das Setting seiner Bücher zu erkennen.

Henning Ahrens: Toll! Das wusste ich nicht.

Am Erker: In Stoppelbrand, deinem zweiten Gedichtband, geht es auch viel ums Dorfleben und konkret um die Landwirtschaft.

Henning Ahrens: Dieses Thema war in Stoppelbrand sehr akut. Auch mein allererster Roman, den ich nicht veröffentlicht habe - vierhundert Seiten, in fünf Monaten runtergekloppt -, spielt hier und ist voll von meinen landwirtschaftlichen Erfahrungen. Doch als ich fertig war, dachte ich: Das ist nicht das, was du machen willst. Also habe ich Lauf Jäger lauf geschrieben. Das Leben auf dem Land ist ein Thema, das für mich wichtig bleiben wird - das ist mein Stoff, das sind die Erfahrungen, die ich habe, und die gibt es heute nicht mehr oft. Meine Söhne spielen nicht mehr auf dem Heuboden. Da gehen viele sinnliche Erfahrungen verloren.
All die konkreten Erlebnisse mit Natur, mit Tieren, auf dem Feld, die Gerüche - das ist ein großer Schatz für mich. Und ich war stolz darauf, Sohn eines Bauern zu sein. Die Freunde sind immer zu uns gekommen, wir hatten viel Platz - Ställe, Haus, Wiese, Scheune.

Am Erker: Auf dem Dorf zählen Bauern noch.

Henning Ahrens: Meine Eltern gehören noch zu dieser alten Generation - die fanden das nicht so toll, glaube ich, da ging es mehr um sozialen Aufstieg, im Gegensatz zu unserer Generation. Damals wurde uns auch das Plattdeutsch ausgetrieben. In den Sechziger- und Siebzigerjahren galt das als sozial minderwertig. Inzwischen gibt es ein Revival, aber damals galt: Bloß kein Plattdeutsch sprechen - sonst wurde man gleich als einer erkannt, der vom Dorf kam.

Am Erker: Wird hier auf dem Dorf noch Platt gesprochen?

Henning Ahrens: Die älteren Leute sprechen das vielleicht noch, aber die jüngeren nicht mehr.

Am Erker: Das Sinnliche ist ja schon ein Merkmal ländlicher Ästhetik. Ist das eine andere Sichtweise auf die Welt? Sind das unmittelbare Erlebnisse, wie man sie in der Großstadt eben nicht machen kann? Würdest du sagen, das ist typisch?

Henning Ahrens: Ich glaube nicht, dass das Großstadtleben weniger sinnlich ist. Dort hat man nur andere Eindrücke. Und in der Landwirtschaft werden Natur und Tiere nicht romantisch wahrgenommen. Der Umgang damit ist rein sachlich, nüchtern und zweckmäßig. Jemand, der in der Stadt lebt, mag das vielleicht ein bisschen idealisieren. Aber selbst das könnten Klischees sein, die nicht richtig greifen.

Am Erker: Georg Simmel hat in seinem Vortrag Die Großstädte und das Geistesleben von 1903 das großstädtische Seelenleben, wie er es nannte, vom ländlich-kleinstädtischen abgegrenzt. Das Ländliche, schrieb er, sei geprägt von einem langsameren, gewohnteren, fließenden Rhythmus des sinnlich-geistigen Lebensbildes - im Gegensatz zum Großstädtischen, wo es um Tempo, Vielfältigkeit der Eindrücke und Möglichkeiten, Intellektualität gehe. Das Kleinstädtische sei mehr aufs Gemüt gestimmt, lebe von gefühlsmäßigen Beziehungen und dem ruhigen Gleichmaß. Kann man sagen, dass diese Beschreibung zutrifft?

Henning Ahrens: Ich glaube schon. Hier geht es ruhiger zu, was ich als wohltuend empfinde. Natürlich sind neue kulturelle und künstlerische Entwicklungen meist in Städten entstanden, weil es dort eine größere Vielfalt und mehr intellektuelle Reibung gibt. Das ist einfach so, da spielt das Land eher eine untergeordnete Rolle. Das mit dem Gemüt klingt natürlich etwas klischeehaft, das würde man heute wohl nicht mehr so sagen. Aber hier ist es sicher ruhiger und ein bisschen einförmiger, auch von den Menschen her.

Am Erker: Hat das Einfluss aufs Schreiben? Würdest du auch in der Stadt übers Landleben schreiben?

Henning Ahrens: Ja, in Kiel habe ich das getan. Mit Abstand klappt es manchmal sogar besser. Nostalgisch war ich aber nie. Doch es ist auch ein Vorteil: Wenn man weiter weg ist, hat man einen anderen Blick - obwohl der Roman Tiertage, den ich hier geschrieben habe, das Ganze mit mehr Abstand betrachtet als meine Gedichte, die meinen biografischen Erfahrungen viel stärker verhaftet sind.

Am Erker: Es wäre mal interessant, dich zum Schreiben an verschiedene Orte zu setzen und die Resultate zu vergleichen.

Henning Ahrens: Ich bin immer viel allein gewesen. Ich treffe mich gern mit Leuten, aber ich bin froh, wenn ich mein Ding machen kann, und letztendlich würde ich wahrscheinlich auch in Berlin kaum anders leben und schreiben als hier.

Am Erker: Wir haben noch ein anderes Zitat von Simmel, das auch zu Tiertage passt. Er schreibt, die Veränderungen würden auf dem Land anders verarbeitet als in der Stadt, wo die Leute - sagt er - schnell und rational auf Veränderungen reagieren, weil sie gewöhnt sind, viele Eindrücke zu verarbeiten, während auf dem Land, wo das Gemüt sehr konservativ ist, Veränderungen immer von Erschütterungen und "innerem Umgraben" begleitet sind, von intensiven Reaktionen auf Veränderungen also.

Henning Ahrens: Hm, das finde ich doch etwas veraltet. Natürlich gilt es hier auf dem Land als seltsam, mit einer so merkwürdigen Sache wie dem Schreiben sein Geld zu verdienen. Ich hatte in dieser Gegend mal eine Lesung, und hinterher kam ein ehemaliger Freund meiner Eltern zu mir, auch ein Bauer, zwei Söhne, einer im Alter meines Bruders, und sagte: "Meine Söhne machen ja was Handfestes." Als könnte man als Autor ohne Realitätssinn und Bodenhaftung überleben.
Und Veränderungen - nach der Wende haben alle nach dem Wenderoman gerufen, als ob Literatur so funktioniert. Dabei braucht das Zeit, damit die Erfahrungen sich setzen. Natürlich werden da Romane rausgehauen, aber das sind wohl keine Texte, die bleiben. Romane brauchen Zeit. Das unterscheidet Literatur vom Journalismus. Als Schriftsteller muss man sich Zeit lassen, das dauert fünf Jahre oder zehn, und dann kommen diese Bücher auch. Insofern ist also die Literatur das langsame Umgraben, würde ich sagen - ob auf dem Land oder in der Stadt.

Am Erker: Aber in Tiertage reagieren die Figuren schon sehr intensiv, und darin steckt auch eine Art Ursprünglichkeit. Die sind ja schon - wie die Hasen - recht triebhaft zum Teil, auch sehr impulsiv, die Charaktere. Als Viktor Mirandas Handy in den See wirft, zum Beispiel. Oder wie alle Männer auf diese Frau fliegen ...

Henning Ahrens: Das würde ich nicht so sehen. Das sind einfach Menschen, die in seelische Krisen geraten. Kann natürlich sein, dass nicht jeder ein Handy in den See pfeffert oder eine Teekanne aus dem Fenster wirft.

Am Erker: Das macht Madsack.

Henning Ahrens: Stimmt, der wirft einen Becher auf die Straße.

Am Erker: Wenn du deine Figuren mal durchgehst ...

Henning Ahrens: Ja, aber Choleriker oder sehr impulsive Menschen ...

Am Erker: ... gibt's auch in der Stadt, aber bei dir doch häufiger mal.

Henning Ahrens: Ja, klar. Ich neige selbst dazu.

Derk Frerichs: Siehst du dich in einer literarischen Tradition? Das ländliche Setting, die Sprachexperimente, die fantastischen Elemente - ich habe mir die Namen Arno Schmidt, Frank Schulz und Dietmar Dath notiert. Oder siehst du dich eher in einer älteren Tradition?

Henning Ahrens: Hm, schwierig. Ein echtes Vorbild habe ich nicht. Ich habe ja über John Cowper Powys promoviert und seine Bücher sehr geschätzt. Der ist für mich immer ein Vorbild gewesen, aber vor allem hinsichtlich seiner Komplexität und Vielschichtigkeit, die ich in dieser Form noch nicht erreicht habe. Wenn man einen Roman wie Glastonbury Romance nimmt: Da ist alles drin - Natur, Philosophie, alle gesellschaftlichen Schichten, alle Denkrichtungen, alles wird da ausgetestet. Eine solche Vielschichtigkeit und Komplexität ist sicher ein Vorbild.
Von amerikanischer Literatur bin ich dagegen kaum geprägt. Dazu habe ich komischerweise kaum einen Bezug - da haben mich nur ein paar Lyriker interessiert. Jahrelang habe ich aber halb vergessene deutsche Autoren gelesen, die zum Teil auch während der Nazizeit publiziert haben, ohne Nazis zu sein: Horst Lange, Elisabeth Langgässer, Ernst Kreuder - das hat mich lange fasziniert.
Dann gibt es noch eine ganz andere Einflussquelle, nämlich Comics. Das merkt man vielleicht an den Tieren in Tiertage oder am Plastischen überhaupt. Ich wollte mal Comiczeichner werden und hab jahrelang sehr viel gezeichnet. Daher kommt das Filmische, etwa im Walzer, und weniger direkt vom Film. Eher aus dem Comicmedium, das mich sehr gefesselt hat, weil dort so viele Sachen verbunden werden: Zeichnen, Geschichten erzählen, Schnitttechnik, Dialoge, alles Mögliche. Was Literatur angeht, habe ich immer nach abseitigen Sachen gejagt - die haben mich immer interessiert.
Sogar von Ernst Wiechert habe ich manches gelesen. Das meiste ist moralinsauer und ungenießbar, aber es gibt ein, zwei gute Romane. Von Lange in Lauf Jäger lauf zum Beispiel - diese Figur ist eine Parodie auf Wiecherts Das einfache Leben. Da gibt es einen Offizier, der mit seiner Bibliothek nach Masuren auf eine Insel zieht, um dort ein einfaches Leben als Fischer zu führen und all seine Bücher zu lesen - völlig absurd, eine Beschwörung der kaiserlichen Ständegesellschaft, aber von großer suggestiver Kraft, gerade in den Schilderungen der Natur. Und Arno Schmidt habe ich viel und gern gelesen.

Am Erker: Du hast viel Literatur der Dreißigerjahre gelesen.

Henning Ahrens: Ja, auch Friedo Lampe, um noch ein Beispiel zu nennen.

Derk Frerichs: Ich habe mich in meiner Dissertation auch mit den Dreißigern befasst - mit englischer Lyrik, vor allem mit Stevie Smith.

Henning Ahrens: Die kenne ich nur aus Anthologien.

Derk Frerichs: Die lohnt sich. Sie hat auch gezeichnet und all ihre Gedichte mit Strichzeichnungen illustriert.

Henning Ahrens: Das mache ich manchmal in den Notizen zu meinen Romanen. Sonst gar nicht mehr.

Derk Frerichs: Und sie hat ihre Gedichte singend vorgetragen. Muss ein Erlebnis gewesen sein.

Henning Ahrens: Die Lyrik ist vermutlich immer noch die Königsdisziplin.

Derk Frerichs: Hast du da Vorlieben? Oder liest du, was dir in die Hände fällt?

Henning Ahrens: Da sammle ich fast alles. Vorlieben - ja, da haben mich einige am Anfang stark geprägt, natürlich Huchel, Bobrowski, diese ganze bildstarke und metaphernreiche Lyrik. Heute ist es ein bisschen anders. Ich bin inzwischen ein großer Fan von Charles Simic, den ich sehr schätze wegen seines wunderbaren, leicht ironischen Humors. Inzwischen mag ich auch das Alltägliche sehr, anders als früher. Ich schau in vieles rein, auch in neuere Sachen, die Lyrik der kookbooks-Autoren zum Beispiel - da gibt es echte Perlen.
Im Frühjahr veröffentlicht S. Fischer einen Gedichtband von mir. Meine anderen Lyrikbände, Lieblied was kommt und Stoppelbrand, sind leider nicht mehr lieferbar. Als die DVA von Random House gekauft wurde, ist da erst mal ausgemistet worden. Ich hab von beiden Bänden einen Schwung gekauft, und die Rechte sind an mich zurückgefallen. Die neuen Gedichte sind allerdings erzählerischer und aus einem relativ großen Zeitraum, aus zehn Jahren.

Andreas Heckmann: Ich habe mir neulich deine Dissertation über John Cowper Powys ausgeliehen und fand die kursorische Lektüre sehr erhellend. Die Doktorarbeit ist nicht selten das erste eigene Buch eines Schriftstellers, und so ist es auch in deinem Fall. Auf Powys bin ich durch eine lobende Erwähnung von Seiten Hans Henny Jahnns gestoßen, der als Autor für dich sicher auch nicht unwichtig war. Ich weiß ansonsten wenig über Powys, und seine Lebensphilosophie war mir völlig unbekannt, aber ich finde es interessant, dass du eine Doktorarbeit über diesen "Elementalismus" geschrieben und zum Verfahren deiner Arbeit kurzerhand erklärt hast, du wollest auf eine feste Begrifflichkeit und einen analytischen Zugriff verzichten. Das hat mich beeindruckt, obwohl ich die Arbeit nicht von vorn bis hinten gelesen habe.

Henning Ahrens: Das muss man auch nicht, das ist Schnee von gestern.

Andreas Heckmann: Da habe ich einen anderen Eindruck. Es gibt ja Doktorarbeiten, denen man quälend deutlich anmerkt, dass sie Eintrittskarten in die akademische Welt sein sollen oder dass dort Obsessionen ihres Verfassers abgefeiert werden. Deine Dissertation aber scheint mir eher eine Vergewisserung deiner Berufung zum Schriftsteller zu sein, denn du stellst eine unsystematische, widersprüchliche, in schwankender Begrifflichkeit entwickelte Lebensphilosophie - also eine Privatmythologie - vor, die vor allem das Ziel hat, eine fortwährende, spiralförmige Selbstfindung und -erfindung zu feiern. Und der Umschlag ist auch interessant. Ich vermute, er ist von dir gestaltet, nicht vom Verlag.

Henning Ahrens: Das Foto jedenfalls habe ich ausgesucht.

Andreas Heckmann: Deswegen ist er so interessant. Auf dem Bild sitzt ein Mann, vielleicht fünfzig Jahre alt, sicher der Dichter, in Gedanken versunken in einer eher unspektakulären Landschaft. Er wirkt in sich ruhend - weder weise noch zufrieden, aber in der Landschaft verwurzelt und doch auf der Suche. Ist das ein Wunschbild des noch unbekannten Autors Ahrens, eines zudem, dem die Provinz eingeschrieben ist? Wieso hast du dieses Foto genommen?

Henning Ahrens: Es schien mir gut zu seinen Kerngedanken, zu seiner Lebensphilosophie zu passen, zu der Versenkung in die Natur. Powys hat sonderbare Sachen gemacht, Bäume umarmt, mit Steinen geredet. Ich hatte den Eindruck, er sei da in einem Moment der Versenkung aufgenommen worden - darum habe ich es ausgesucht.
Powys hat anfangs in New York gelebt, dann nördlich davon, in Phudd Bottom, und am Ende ist er aus den USA nach Wales gezogen, in ein Kaff in den Bergen, wo Schiefer abgebaut wurde, und hat dort in einem Arbeiterhäuschen gelebt. Auf dem Foto ist er fünfzig, sechzig, schätze ich. Ja, Powys hat mich wieder zum Schreiben gebracht. Ich habe während des Studiums kaum eigene Texte verfasst und erst im Laufe der Doktorarbeit wieder angefangen, ernsthaft zu schreiben. Die Beschäftigung mit Powys' Werk hat den Motor sozusagen wieder gezündet.

Am Erker: Das wäre wahrscheinlich nicht möglich gewesen, wenn es sich um eine klassische Doktorarbeit gehandelt hätte. Deine Dissertation ist dagegen eine werkimmanente, nachempfindende, sich auch persönlich tief auf den Gegenstand einlassende Arbeit, die vermutlich auch dich verändert hat.

Henning Ahrens: In gewisser Weise schon. Dieser immanente Ansatz, dieses Sich-Einlassen - das fand ich immer wichtig. Ich hatte ja nie vor, an der Uni zu bleiben. Das ist eine sehr essayistische Dissertation, aber mein Doktorvater fand das völlig in Ordnung. Ja, das ist recht unwissenschaftlich, das war mir manchmal sogar etwas peinlich später, ich hätte das ideengeschichtlich alles besser einordnen müssen. Mir ging es nur darum, da reinzugehen und das von innen aufzudröseln, mir ging es also wirklich nur um Powys, nicht um irgendwelche Kontexte. Da hätte man natürlich sehr viel machen können. Diesen ganzen Eso-Boom zum Beispiel, den es heute gibt, gab es ja damals schon. Aber ich wollte diese Lebensphilosophie für mich selbst kapieren. Diese Bücher von Powys waren mir wichtig und haben mir viel gegeben. Inzwischen finde ich es etwas mühsam, Powys zu lesen.
In England gibt es zu jedem Schriftsteller eine Gesellschaft, also auch eine Powys-Society. Deren Vorsitzender - ein Ex-Professor aus Cambridge - hat mal gesagt, Powys habe die Erzählform des 19. Jahrhunderts dadurch zum Platzen gebracht, dass er sie mit Inhalten des 20. Jahrhunderts gefüllt habe. Das ist eine gute Beschreibung. Dieser langsame, schlendernde Stil - ich habe gerade einen Roman von Saul Bellow neu übersetzt, und das ist ähnlich: tausend Seiten, und er bleibt überall stehen, jede Person, jedes Detail wird geschildert, das ist ein ganz anderes Tempo als heutzutage. Das Erzähltempo heute ist völlig anders, die Sprache ist ja auch schneller geworden. Ich hab nicht immer die Geduld, denn es ist zu langsam, dazu diese ewige Introspektion, die inneren Monologe. Aber damals war mir das wichtig, und Powys hat mich ermutigt, das unsichere Dasein als Schriftsteller zu wagen.
Das Hineinfühlen finde ich zentral. Das vermisse ich oft bei der Literaturkritik - man packt von außen ein Raster drauf und versucht nicht, die Bücher von innen heraus zu verstehen. Das ist im Grunde eine Verhöhnung der Autoren.

Am Erker: Der Gedichtband Stoppelbrand und die drei Romane, die dann kommen, beschreiben eine Art Kreisbewegung von der poetisch-realistischen Evokation des Lebens auf dem Lande über mitunter sehr experimentell anmutende Erzählformen in Lauf Jäger lauf und vor allem in Langsamer Walzer zurück zum wieder eher realistischen Setting von Tiertage.
In Stoppelbrand gibt es einige Gedichte - vor allem den Zyklus Geschichten der Wiesen -, die mit sparsamen Mitteln sehr intensive Bilder des ländlichen Alltags beschwören. Damit geht es los. Dann kommt in Lauf Jäger lauf die ungemein sprachgewaltige Beschwörung einer magisch überhöhten, ländlich abgeschiedenen Gutswelt, in der sich Gestalten der Genreliteratur tummeln. Und dann geschieht etwas Merkwürdiges: Das Ländliche wird zugunsten einer großstädtischen Katastrophensituation verabschiedet, obwohl die Bedingungen des Spiels gleichbleiben: Es sind wieder nur einige Leute notgedrungen unterwegs, diesmal in einer Trümmersteppe.
Nach diesen beiden eher experimentellen Romanen gibt es nun einen Rückbezug auf die Welt von Stoppelbrand: Tiertage ist ein eher realistisch gehaltener Roman über das Leben auf dem Lande. Waren also Lauf Jäger lauf und Langsamer Walzer Experimente à la Powys, spiralförmige Suchbewegungen, die zum Realismus zurückgeführt haben? Wie würdest du deine Romane einschätzen? Diese Kreisbewegung dauerte ja zehn Jahre, und in Stoppelbrand stehen auch Gedichte, die noch älter sind.

Henning Ahrens: Hm, die Settings von Lauf Jäger lauf und vom Walzer sind eher als metaphorische Räume zu verstehen, gerade beim Walzer - das sind eklektische Welten. Beim Walzer habe ich das, was beim Jäger da war, ins Extrem getrieben und hatte danach das Gefühl, das nicht mehr toppen, nur wiederholen zu können. Mir war klar: Wenn ich das übertrumpfen will, schreibe ich mich aus dem raus, was Literatur ist, dann wird's noch abgedrehter, noch fantastischer, und das wollte ich nicht, und ich wollte mich auch nicht wiederholen, sondern etwas anderes machen, wollte weniger typenhafte, eher psychologische Charaktere und auch konkretere Settings haben. Und ich wollte auf Knalleffekte verzichten, was mir anfangs schwergefallen ist - ich habe diese Schießereien aus dem Walzer wahnsinnig vermisst, bis ich beim Herantasten an Tiertage gemerkt habe, dass mir das Kleinteilige, das Detailschreiben, das Subtilere viel Spaß macht. Das war eigentlich der Impuls, etwas anderes zu probieren.
Daher habe ich mich von Langsamer Walzer und Lauf Jäger lauf nicht ganz verabschiedet, aber etwas in der Form werde ich vorerst nicht mehr machen. So was wie die Parallelhandlung mit den sprechenden Hasen und Reihern, die in Tiertage einen Tiermörder dingfest machen wollen, mach ich allerdings auch nicht wieder - so was kann man nur einmal im Leben schreiben. Ich weiß noch nicht genau, was als Nächstes kommt, es wird aber vermutlich wieder ein handfesteres Setting sein. In Tiertage wollte ich einen konkreten Hintergrund und weniger Metaphorik haben. Der "wilde Mann", der ja sehr vage bleibt, ist für mich eine eher symbolische Gestalt, die für bestimmte Triebe steht. Aber Dinge dieser Art gibt es in Tiertage viel, viel seltener als im Walzer.
Und dann wollte ich auch einen Roman in einem anderen Ton schreiben. Ich schreibe schließlich für Leser, aber das hat nicht wirklich hingehauen. Das war sehr bitter, weil Tiertage eigentlich funktioniert - das merke ich bei Lesungen immer wieder. Es ist ein Buch, das funktioniert, aber nicht recht durchgedrungen ist. Es verkauft sich zwar nicht schlechter als viele Romane deutschsprachiger Kollegen, aber enttäuschend war es trotzdem.

Am Erker: Dass Tiertage kein großer Erfolg wurde, ist beinahe unbegreiflich. Dass Langsamer Walzer allerdings vielen Lesern Probleme gemacht hat, ist nicht verwunderlich. Für diese Art Literatur muss man schon ein Freak sein.

Henning Ahrens: Ja, das ist anarchisch und sehr kompliziert, und alle laufen ständig rum. Das, was in den Figuren innerlich los ist, ist die ganze Zeit auch außen los: Zerstörung, Gewalt, Orientierungslosigkeit - das ist sehr anarchisch, und ich kann verstehen, dass das nichts für jeden ist. Das war vielen zu hart.

Am Erker: Du hast den Tiertagen ein Motto von Hans Jürgen von der Wense vorangestellt und kommst im Roman zweimal auf ihn zu sprechen.

Henning Ahrens: Ja, den liebe ich sehr, den habe ich erst spät entdeckt, den von der Wense. Die Briefausgabe bei 2001 ist fantastisch, weil dieser Mann eine ungeheure Leidenschaft hat. Das ist ein Wahnsinnssteinbruch, und das Tolle, was mich auch an Powys erinnert - er erinnert mich ja in vieler Hinsicht an Powys, auch wegen seines ständigen Herumwanderns zum Beispiel -, das Tolle bei Wense ist, dass das Allerhöchste neben dem Profansten steht. Er schreibt über Gott und im nächsten Moment über seine kaputte Tasse, und beides hat die gleiche Wichtigkeit für ihn und gehört zusammen. Wense ist jemand, der einen förmlich überrollt mit seinen Interessen, ein absoluter Steinbruch, gigantisch und teilweise richtig komisch. Das ist bestimmt ein sehr schwieriger, vermutlich manisch-depressiver Typ gewesen, und er ist - was ja auch passt - fast vergessen.

Am Erker: Ein dialogischer Enthusiast. Es gibt ja Enthusiasten genug, die monomanisch wüten, aber das tut Wense nicht - schon deshalb nicht, weil er vor allem Briefe schreibt.

Henning Ahrens: Ja, er hat immer kommuniziert und seine Jünger um sich geschart. Das war ein sehr sozialer Typ, trotz seiner Exzentrizität und seinem eigenbrötlerischen Dasein - das wird in seinen Briefen sehr deutlich. Er hat sich um andere gekümmert, und zwar mit aufrichtigem Interesse. Er war eine spannende Mischung, eine sehr widersprüchliche Persönlichkeit. Für mein Schreiben hat er nicht so große Bedeutung, aber ich finde ihn als Charakter und von seinem Horizont her ungeheuer beeindruckend. Was der sich alles autodidaktisch angeeignet hat! Was Raoul Schrott gemacht hat, Die Erfindung der Poesie, hat Wense längst gemacht - und nicht mit Interlinearversionen. Er hat die entlegensten Sprachen gelernt, hat sie passiv beherrscht und konnte sie übersetzen.

Am Erker: Im schönen Nachwort zu den beiden Bänden ist die zentrale These, Wenses Briefwerk, in dem der Enthusiasmus so reichlich strömt, sei ein großes Werkverhinderungsritual und zugleich ein großes Textproduktionswerk gewesen. Das finde ich sehr einleuchtend. Und das ist auch eine sehr humane Art der Textproduktion, gerade weil sie dialogisch ist.
Aber jetzt mal zu deinen Übersetzungen, die sehr diskret und zurückgenommen wirken. Bei deiner Hugo-Hamilton-Übersetzung zum Beispiel ist eine gewisse Strenge zu spüren. Sie ist ganz und gar nicht kulinarisch, eher so, wie du jetzt dasitzt.

Henning Ahrens: Als Übersetzer bin ich nicht in der Position des Autors und nehme mich da tatsächlich sehr zurück.

Am Erker: Du hast in den letzten zwei Jahren ungemein viele, durchaus anspruchsvolle Bücher übersetzt und obendrein noch Tiertage geschrieben - ein fast beängstigendes Pensum.

Henning Ahrens: Ich bin jetzt auch ausgepowert, das war ein bisschen viel. Ich habe aber immer parallel geschrieben und übersetzt, das ist kein Problem. Schreiben ist sozusagen die Kür, da bekommt man etwas zurück. Das Übersetzen ist da mühsamer.
Und es ist ein hartes Brot. Man muss stundenlang mit voller Konzentration arbeiten, was richtig Kraft kostet. Man muss immer ganz geistesgegenwärtig sein bei dieser Arbeit, wie beim Schreiben, man muss voll da sein, bei jedem Wort.
Übersetzen ist insofern schwieriger als das Schreiben, als man von der Muttersprache ein Stück weit getrennt ist. Man muss sich da Formulierungen, die einem normalerweise in die Feder fließen, zum Teil hart erarbeiten oder merkt erst eine Woche später, welchen Mist man da zusammengebastelt hat. Dass der Umgang mit der eigenen Sprache beim Übersetzen so viel mittelbarer ist, empfinde ich als die größte Herausforderung.

Am Erker: Und wenn der Autor, den man übersetzt, Manierismen verwendet, die im Englischen funktionieren und im Deutschen nicht, muss man sich auch noch Umwege einfallen lassen.

Henning Ahrens: Tja, das hatte ich bei DBC Pierre. Also, ich mag Bunny und Blair sehr. Dieser Roman ist überall verrissen worden - völlig zu unrecht. Kaum ein Rezensent hat kapiert, dass man dieses Buch auf einer symbolischen Ebene mitlesen muss. Ich hatte sogar den Eindruck, dass diese Ebene gar nicht mehr wahrgenommen wird. Das ist schon ein ziemlicher Verfall der Lesekultur, und das beim Roman, einem der komplexesten Medien überhaupt.
Ich hab den Roman auf Englisch gelesen und war begeistert von der Sprache, coole Formulierungen, endlich mal einer, der mit Sprache arbeitet. Dann hab ich angefangen, das zu übersetzen, und es hat oft keinen Sinn ergeben. Da waren Bilder drin ... wörtlich übersetzt lautete eins: "Er lag in der Wanne, sein Körper auf der braunen Emaille wie eine von Wellen zerflirrte weiße Maus" - na gut, das kann man sich noch vorstellen, aber dann kam: "Und die Erbse der Realität fiel auch nicht gerade in seine Tasse." Was macht man damit? Ich hab's paraphrasiert. Ich dachte: Das versteht niemand. Und damit muss man sich dann rumplagen. Manchmal scheint es mit Pierre durchgegangen zu sein. Im Englischen wird offenbar nicht lektoriert, und das ist für Übersetzer ein großes Problem.
Allerdings halte ich mich nicht für klüger als den Autor - im Zweifelsfall bin ich dem Original treu. Bei DBC Pierre hab ich mir aber gesagt: Wenn ich alles so übersetze, wie es dasteht, wird das Buch in der Luft zerrissen, und unlesbar ist es auch. Also habe ich sehr vieles sehr behutsam interpretiert, manche Bilder abgeschwächt, manche aufgelöst, aber das Buch ist trotzdem auf Grund gelaufen. DBC Pierres Stil ist manieriert, das kann ich nicht ändern - ich kann schließlich kein neues Buch schreiben.

Andreas Heckmann: Gestern hat Derk mir noch eine Geschichte erzählt, die zu den impulsiven Charakteren von Tiertage passt: Du sollst in Braunschweig einfach vor einer Lesung abgehauen sein, weil dir zu wenig Leute da waren.

Henning Ahrens: Oh ja, da war ich sehr gefrustet. Woher weißt du das?

Derk Frerichs: Steht im Internet.

Henning Ahrens: Im Ernst? Ach, da war ich echt genervt. Ich hatte auch Lesungen mit fünfzig, sechzig Leuten, aber vor der Lesung in Braunschweig war zwei oder drei Mal tote Hose gewesen, und weil auch der Verkauf von Tiertage nicht richtig anzog, war ich regelrecht demoralisiert. Ich stand da und hab mit mir gekämpft. Und mein Lektor war extra gekommen ... Aber am Ende dachte ich: Du hast all die Jahre funktioniert, jetzt funktionierst du mal nicht. Und da konnte ich's machen, da konnte ich einfach ins Auto steigen und nach Hause fahren - das hätte ich anderswo natürlich nicht tun können.

Am Erker: Und das Gefühl hinterher? Reue?

Henning Ahrens: Ja, man bereut Impulsivität häufig, voreilige Bemerkungen, böse Briefe, die man schreibt. Aber nee, das hab ich nicht wirklich bereut. Wenn es mein erstes Buch gewesen wäre, aber es ist mein fünftes ... Und dann kommst du hin, und da sind die beiden Buchhändler und fünf Angestellte und zwei zahlende Gäste. Da hatte ich die Faxen dicke.

 
Henning Ahrens: Tiertage. Roman. 282 Seiten. S. Fischer. Frankfurt am Main 2007