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Fritz Müller-Zech 48
Die Fritz-Müller-Zech-Kolumne
 

Wie habe ich es geliebt, das Fernsehen! Wie habe ich sie verehrt, die Bücher! Doch nun erwäge ich, nicht nur weil die monatlichen Gebühren wieder einmal erhöht werden, mein altersschwaches Saba-Gerät dem Sperrmüll zu überantworten. Und die großformatigen Versandtaschen gefüllt mit den Neuerscheinungen des Herbstes werde ich vielleicht schon morgen meinem Freund Fritz Hannemann mitgeben, der sie über das Internet losschlagen wird. Mit den Literaturbeilagen der Tageszeitungen, deren Lektüre ich früher mit Spannung und Freude entgegensah, habe ich die Biotonne ausgelegt, damit nicht immer hässliche Reste des Küchenabfalls am Boden kleben bleiben. Schuld an meinem Zustand ist die unziemliche Vermischung meiner bisherigen Lieblingsmedien. Weder möchte ich Romane lesen, in denen ständig ferngesehen wird, noch schaue ich mir gerne Sendungen an, in denen mir eingehämmert wird, ich müsse nun endlich zum Buch greifen. Hatte das "Literarische Quartett" noch einen gewissen kabarettistischen Wert, so ist "Lesen!" ein schier unerträgliches Spektakel. Innerhalb von dreißig Minuten werden mindestens acht Bücher von der aufgekratzten Moderatorin in die Kamera gehalten und zur Lektüre verordnet, und manchmal darf auch der eingeladene Gast ein Wort sagen.
Schlimmer als "Lesen!" aber war die Steigerung "Das große Lesen", eine Bücherschau im Zweiten Programm mit dem unvermeidlichen Kerner und einer Auswahl der üblichen Sofasitzer. Wenn Kerner Bücher empfiehlt, möchte man am liebsten zum Analphabeten mutieren. Zitternd saß ich vor dem Fernseher und empfand einen Lustschmerz wie sonst nur beim Anschauen von Volksmusiksendungen. Weder konnte ich die Augen abwenden, noch gelang es mir, den Ausschaltknopf der Fernbedienung zu finden. In meinem Kopf begann es zu rotieren, bald schien es mir, als würde Karasek seine Krawatte lösen, um damit eine gewisse Frau "Moppel-Ich" zu strangulieren, dann sah ich Alice Schwarzer unter dem Bullen von Tölz ächzen, während Kerner immer wieder "Tolkien oder die Bibel" rief. Als ich irgendwann,es liefen die Spätnachrichten, wieder zu mir kam, war ich nass geschwitzt. Mühsam fand ich den Weg ins Bett, aber wie üblich noch zwei Zeilen zu lesen, wollte mir nicht mehr gelingen.
Am nächsten Morgen wagte ich einen neuen Versuch, doch selbst die Lektüre eines dünnen Bändchens wie Niels 't Hoofts Toiletten musste ich abbrechen, als ich über den Satz "Während du mit meinem Pimmel gespielt hast, dachte ich an Videogames" stolperte. Bevor ich auch nur einen Gedanken an diese profunde Beschreibung der Freizeitgestaltung heutiger Jugendlicher verschwenden konnte, ertönte die Stimme Kerners in meinem Kopf und spulte die Liste der zehn beliebtesten Bücher der Deutschen ab.
Als in den Wochen darauf der Buchmessenrummel einsetzte und die Literaturbeilagen ins Haus kamen, war mir nicht mehr zu helfen. Jede Überschrift, die versprach, hier werde ein ganz großes Buch vorgestellt, erregte meine Übelkeit, wusste ich doch, dass von eben diesem Schmöker in weniger als zwei Monaten niemand mehr sprechen würde. Zudem war mir klar, dass ich selbst ein Teil dieses Wahnsinnssystems war. Und ich erinnerte mich an ähnliche Symptome, die mich vor einigen Jahren für einige Monate so paralysiert hatten, dass mir nur das Anschauen aller Folgen der Westernserie Bonanza helfen konnten.
Leider reagierte ich auf das Fernsehen ähnlich wie auf Bücher. Wenn ich wenigstens in der Lage wäre, meine Kerner-Allergie in einem medien-und gesellschaftskritischen Taschenbuch zu verarbeiten, wie es der schlaue Walter van Rossum mit der schrecklichen Christiansen-Sendung getan hat, ja, dann könnte ich noch ein paar Euro aus meiner misslichen Lage schlagen. Doch es war mir unmöglich, länger als drei Minuten auf den Bildschirm zu gucken, und bei Scobel, Scheck oder Beckmann war mir schon nach zwanzig Sekunden schlecht.
Also räumte ich mal wieder meine Bastelwerkstatt auf, machte lange Spaziergänge durch die Wälder der Umgebung und ernährte mich von Vortagsbrötchen aus dem "Backtreff",die gar nicht schlecht schmecken, wenn man sie in Pfefferminztee tunkt.
Aber vielleicht besteht doch Hoffnung. Während ich diese Zeilen auf eine Brötchentüte kritzle, fällt mein Blick auf ein schmales Reclamheft, das sich unbemerkt auf meinen Küchentisch geschmuggelt zu haben scheint. Es ist von Brigitte Kronauer und enthält Geschichten, von denen die erste so anfängt: "Hornochse! Das böse, sehr böse Wort." Das macht mich neugierig. Ich lese weiter und habe in kürzester Zeit drei Geschichten verschlungen. Hier geht es um die Natur und darum, wie blöd sich der Mensch manchmal in ihr ausmacht. Vor allem, wenn er beginnt zu reden. Bei Brigitte Kronauer jedoch verwandelt sich Geschwätz in reine und zudem hochkomische Poesie. Dieses wunderbare Reclamheft macht Mut, es vielleicht auch noch mit den ersten Seiten des neuen Romans der Autorin zu versuchen. Verlangen nach Musik und Gebirge heißt das Buch, und ich erinnere mich vage, bereits vor einiger Zeit die ersten zwei Seiten gelesen zu haben. Ich muss es nur in irgendwo in den Kartons und Versandtaschen wiederfinden. Aber was ist denn das? Ein Buch mit dem Titel Das einsame Leben. Das könnte etwas für mich sein, denke ich, schlage es irgendwo auf und stoße auf folgende Worte, die ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, nicht vorenthalten will: "Doch große Bildung wohnt nicht immer in einer bescheidenen Brust, und oft liegen Zunge und Geist, Theorie und Leben in großem Widerstreit. Damit meine ich diejenigen, für die Bildung mehr eine Behinderung oder Belastung als eine Bereicherung ist ... Sie tragen ihre Dummheit in der ganzen Stadt umher, als wollten sie gebrauchtes Geschirr verkaufen; sie sind die Gegner der Abgeschiedenheit, aber auch die Feinde des eigenen Hauses, dessen Schwelle sie frühmorgens verlassen und widerwillig erst abends wieder betreten; auf sie passt das Sprichwort: Schön ist es Leute zu sehen und mit Menschen zu verkehren. Besser wäre es, meine ich, Felsen und Wälder zu sehen, mit Bären und Tigern zu verkehren." Francesco Petrarca schrieb diese Worte, deren heilende Wirkung ich jetzt schon spüre, vor mehr als 600 Jahren. Und wie gut, dass er mir an dieser Stelle erspart, einen originellen letzten Satz zu formulieren.

 

Niels 't Hooft: Toiletten. Roman. 107 Seiten. Reclam 2004. € 12,90

Walter van Rossum: Meine Sonntage mit 'Sabine Christiansen'. Wie das Palaver uns regiert. 185 Seiten. Kiepenheuer & Witsch 2004. € 8,90.

Brigitte Kronauer: Die Tricks der Diva. Geschichten. 112 Seiten. Reclam Stuttgart 2004. € 3,00.

Brigitte Kronauer: Verlangen nach Musik und Gebirge. Roman. 389 Seiten. Klett-Cotta 2004. € 22,00.

Francesco Petrarca: Das einsame Leben. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Franz J. Wetz. Aus dem Lateinischen übersetzt von Friederike Hausmann. 390 Seiten. Klett-Cotta 2004. € 34,00.