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Rowohlt
Sophie Andresky
Jung und Jung
Henrik Hieronimus
Georg Klein
Frankfurter Verlagsanstalt
Ror Wolf

 
Fritz Müller-Zech 46
Die Fritz-Müller-Zech-Kolumne
 

Dass ich kein wohlhabender Mann bin, habe ich an dieser Stelle bereits ausführlich kundgetan. Eine mir wesentlich peinlichere Tatsache, mein Verhalten in Gesellschaft betreffend, wurde den Lesern dieser Kolumne bislang vorenthalten. Doch damit ist es nun vorbei. Die Wahrheit muss an das brutale Licht der Öffentlichkeit.
Es mangelt mir an Takt. Mein Benehmen lässt zu wünschen übrig. Ich bin ein Rüpel. Ja, eben dieses böse Wort warf mir der gewöhnlich sehr zurückhaltende Herr Krause von der Trinkhalle erst vor ein paar Tagen an den Kopf. Wahrscheinlich, so fuhr er sinngemäß fort, übte ich nur deswegen den obskuren Beruf des Gesellschaftskritikers aus, um der Kritik der Gesellschaft an mir zuvorzukommen. Ich war Krause für diese klaren Worte dankbar. Schon zu lange war mein Verhalten aus einem falschen Toleranzideal heraus geduldet worden. Während meiner Schulzeit an einem kleinstädtischen Gymnasium rümpfte niemand die Nase, wenn ich übel riechende Leberwurstbrote auspackte, und ebenso wenig wurde ich zurechtgewiesen, wenn ich diese geräuschvoll bei offenem Munde verschlang. Später an der Universität saß ich gewöhnlich in mottenzerfressene Pullover und schmutzstarrende Nietenhosen gekleidet in literaturwissenschaftlichen und soziologischen Seminaren herum, warf meinen Kommilitoninnen lüsterne Blicke zu, kratzte ungeniert meine ungewaschene Haut und brüllte in regelmäßigen Abständen Klassenkampfparolen in den Raum. Denn, auch das muss hier schonungslos gesagt werden, ich dachte gar nicht daran, der Gesellschaft ihr Entgegenkommen zu danken, im Gegenteil. Aufgestachelt durch die halbverstandene Lektüre aufrührerischer Schriften begehrte ich gegen diese "repressive Toleranz" auf und erkor das Attribut "bürgerlich" zu meinem Lieblingsschimpfwort. Meine jetzige, manchmal durchaus trostlos zu nennende Situation, ist, wie mir durch Krauses Klartext schlagartig deutlich wurde, weitgehend selbst-verschuldet, denn mit nur ein klein wenig mehr Anpassungsbereitschaft könnte ich die Annehmlichkeiten einer gehobenen Position an Schule oder Universität genießen. Nach unkultivierten Rabauken wie mir haben die Einstellungsbehörden damals regelrecht gefahndet. Doch ich verirrter Geist lehnte die bürgerliche Gesellschaft so stark ab, dass ich ihr nicht einmal den Wunsch nach Selbstzerstörung erfüllen wollte, und zog mich auf die wenig lukrative, aber ideologisch beruhigende Position des Kritikers zurück. Und war zufrieden, bis Kioskbesitzer Krause jene inkriminierenden Worte sprach, nur weil ich nicht auf meine "Welt" warten wollte, bis der alte Konopka sein gesammeltes Leergut der letzten vier Monate auf dem Tresen der Trinkhalle aufgestellt hatte. Denn ich war wirklich in Eile. Immer näher rückte der Redaktionsschluss, und noch keine Zeile war geschrieben. Gelesen hatte ich eigentlich genug, doch mir wollte partout nichts einfallen. Vollkommen sprachlos war ich angesichts der wunderbaren erotischen Welt der Sophie Andresky, die so gar nichts mit meinem Dasein zwischen Modellbau, Fernsehen und Bücherregal zu tun hat. Was es nicht alles gibt in den Köpfen junger Frauen! Da staunt selbst einer wie ich, der sich noch schwach an die Zeiten der sogenannten sexuellen Revolution erinnern kann. Und beim Vergleich mit den verklemmten Sex-Storys in den muffigen Konkret-Heften aus den späten Sechzigern, die ich neulich vom Dachboden geholt habe, schneiden Andreskys pointenstarke und ironische Geschichten von lüsternen Damen und standfesten Herren hervorragend ab. Die Frau kann nämlich schreiben und handhabt das derbe Vokabular des Unterleibsdiskurses mit verblüffender Eleganz.
Direkt zur Sache kommt auch Henrik Hieronimus, ein blutjunger Bukowski-Adept aus dem westlichen Münsterland, dessen Erlebnisse beim Straßenbau wohl die Grundlage für seinen schmalen Erzählungsband Morgens an irgendeinem Tag lieferten. "Kalle aß ein ganzes Hähnchen zum Frühstück", beginnt die Titelgeschichte, die wie viele der Texte eine drastische Illustration des göttlichen Urteilsspruchs nach der Vertreibung aus dem Paradies darstellt, nämlich dass der Mensch sein Brot künftig im Schweiße seines Angesichts verzehren müsse. Hendrik Hieronimus schreibt Literatur der Arbeitswelt ohne moralischen Zeigefinger oder aufdringliche Sozialkritik. Das liest einer wie ich gerne, schien es doch bisweilen, nahm man die vielen Erzählungen aus den einst hell erleuchteten schicken Büros der sogenannten New Economy zum Maßstab, als ob die harte körperliche Arbeit ausgestorben wäre.
Nicht dass es mir unrecht wäre, könnte ich mein Geld so leicht verdienen wie jener Journalist, der in Georg Kleins Kurzgeschichte "Nico, komm!" von einer seltsamen Begegnung im Nachtzug von Köln nach Berlin erzählt. Während ich mir jede Zeile mühsam abringen muss, formuliert Niklas Jähner die 120 Zeilen seiner erfolgreichen Kolumne "Ich sage alles meiner Mutter" locker während der nächtlichen Fahrt. In dieser geht es um den Mitarbeiter eines Kölner Fernsehsenders, der seine Sonntage regelmäßig in Berlin verbringt, um mit seiner Mutter Kaffee zu trinken. Und da die alte Dame unter der Woche vor allem ferngesehen hat, drehen sich die Unterhaltungen zwischen Mutter und Sohn um eben dieses Medium. Eine merkwürdige Idylle, die mit dem bindungslosen Leben Jähners nichts zu tun hat, ihm aber einen großen Erfolg bei seinen Lesern beschert. Während also der Journalist die ersten Zeilen schreibt, gesellt sich ein Kind zu ihm, lässt ihn an einem Computerspiel teilhaben, stellt unangenehme Fragen und verschwindet, als es gerufen wird. Das Kind Nico, ob Junge oder Mädchen, bekommt Jähner nicht heraus, ist vielleicht so real wie die Figuren der Kolumne. Auf wenigen Seiten verfertigt Georg Klein ein komplexes Arrangement, dessen Verweischarakter so trügerisch ist wie die Merkmale, anhand derer der Kolumnist das Geschlecht seines Gesprächs- und Spielpartners zu bestimmen versucht. So fühlt sich der Leser ein wenig wie der Protagonist, der mit der maximalen Punktzahl das Spiel gewinnt, obwohl seine Spielfigur ihr computergeneriertes Leben lassen muss.
Ist Ihnen das zu kompliziert? Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung und empfehle Ihnen, Kleins Erzählband Von den Deutschen, in dem der Text abgedruckt ist, selbst zu lesen. Es lohnt sich.
Und wenn Sie schon mal in der Buchhandlung sind, lassen Sie sich unbedingt noch das neue Buch von Ror Wolf dazupacken. Niemand beherrscht das Genre der sich selbst vernichtenden Geschichte so gut wie der nach etlichen Umzügen in Mainz ansässige Erzähler, Enzyklopädist und Collagist. Die siebenundvierzig Ausschweifungen des schmalen Bändchens, das unter dem unspektakulären Titel Zwei oder drei Jahre später daherkommt, belegen, dass der Rang einer Geschichte nicht von der Beschaffenheit des Ereignisses, das sie zu schildern vorgibt, abhängt. Ob in Worms ein Glas Bier in einem Zug getrunken wird oder ob ein Konditor in Köln beobachtet, wie ein Kellner an dem Versuch scheitert, seinen Schlüssel aus einem Gully zu fischen: Städte, Namen und Geschehnisse verbinden sich zu verführerischen Sätzen, die den Reiz dieser einzigartigen Prosa ausmachen. "Vielleicht sollte ich über Berlin reden, über diese langsam verdunstende Stadt am Rande Mitteleuropas, über die Lust und den Schmerz von Berlin." Ein schöner Satz, um eine Geschichte zu beginnen, vor allem, weil ihm fünf Sätze folgen, die ihn Stück für Stück negieren. Sie wollen selbst sehen, wie das funktioniert? Dann müssen Sie lesen. Allerdings wurde mir zugetragen, dass der Name Ror Wolf jungen Buchhändlern kaum noch geläufig sei. Richten Sie sich also darauf ein, ihn buchstabieren zu müssen.

 

Sophie Andresky: tiefer. Erotische Verführungen. 219 Seiten. rororo. Reinbek 2003. € 7,90.

Henrik Hieronimus: Morgens an irgendeinem Tag. Geschichten vom Leben. 120 Seiten. Jung & Jung. Salzburg 2003. € 16,00.

Georg Klein: Von den Deutschen. Erzählungen. 192 Seiten. Rowohlt. Reinbek 2002. € 16,90.

Ror Wolf: Zwei oder drei Jahre später. Siebenundvierzig Ausschweifungen. 122 Seiten. Frankfurter Verlagsanstalt. Frankfurt am Main 2003. € 17,90.